Business Talk: Was IT-Anbieter und IT-Nutzer einander bieten können

„Wir bringen über unsere BtB-Plattform Systeme dazu, miteinander zu sprechen und versetzen Fachanwender in die Lage, eigenständig die Daten zuzugreifen und eigene Analysen vorzunehmen. Das ist ein Teil unserer Stärke.“  Dr. Jürgen Krämer,General Manager IoT and Analytics Product Division, Software AG

Herr Dr. Krämer, was kann der IT-Anbieter Software AG IT-Nutzern wie den Unternehmen der M+E-Industrie bieten?

Eine ganze Menge. Wir helfen immer schon mit Software, und seit geraumer Zeit nun auch rund um das Internet der Dinge (englisch abgekürzt: IoT) und die Cloud.

Dabei  kann die Software AG, 1969 gegründet, im Sommer ihr 50-jähriges Bestehen feiern. Das ist in dieser Branche und bei der Größe ziemlich einzigartig. Wir mussten uns in 5 Jahrzehnten immer wieder in relevanten Feldern neu erfinden. Damit kann keiner im Silicon Valley mithalten. Wir bauen unser Wissen weiter aus und kaufen immer wieder auch passende Firmen hinzu, zum Beispiel 2017 Cumulocity in Düsseldorf, einen Softwareentwickler und Spezialisten für Schnittstellen, mit dessen Plattform Firmen Geräte aller Art vernetzen können. Im Juni 2018 kam TrendMiner im belgischen Hasselt dazu. Die sind spezialisiert auf visuelle Datenanalyse für Fachanwender in der Fertigungs- und Prozessindustrie.

Unser Bereich IoT and Analytics, das Cloud- und IoT-Geschäft der Software AG, entwickelt sich hochdynamisch. Im Geschäftsjahr 2018 hatten wir ein Umsatzwachstum von 106 Prozent auf 30,3 Millionen Euro bei etwa 240 Mitarbeitern. Es ist der am schnellsten wachsende Bereich innerhalb der Software AG. Die digitale Transformation trifft alle Unternehmen, große wie kleine. Wir haben genau die richtige Größe, um als Partner für den Mittelstand gemeinsam an innovativen Ideen zu arbeiten und die Digitalisierung zu meistern.


Wie digital ist die deutsche Industrie bereits und wie stehen die Chancen, die Herausforderung zu meistern?

Die deutsche Industrie im allgemeinen und die M+E-Industrie im besonderen ist aufgrund ihrer geschlossenen Wertschöpfungsketten im Business-to-Business-Bereich nach wie vor in einer Vorreiterstellung. Dieser echte Wettbewerbsvorteil muss aber im Wettbewerb der Plattformen rund um Industrial Internet of Things (IIoT) verteidigt werden – und sich klar gegenüber den großen BtC-Plattformanbietern aus dem Silicon Valley und China abgrenzen. Damit die bestehenden Wertschöpfungsketten nicht reißen, sondern durch neue ersetzt und erweitert werden.

Industrie 4.0 hat das Ziel einer kundenorientierten Interaktion in unternehmensübergreifenden globalen Wertschöpfungsnetzwerken. IIoT-Plattformen bieten die technologische Basis für eine herstellerübergreifende Vernetzung sowie die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle über Branchengrenzen hinweg: Themenbündel wie „Smart Manufacturing“, „Smart Cars, „Smart Energy“  strukturieren Kundenlösungen, indem sie die erforderlichen Zuliefer-Branchen integrieren. Und darauf muss man reagieren, sonst tun es andere. Die großen Industrieunternehmen wie etwa Siemens, Bosch oder auch die Automobilkonzerne setzen bereits auf IIoT-Plattformen. Aber auch der deutsche Mittelstand ist äußerst innovativ. Allerdings stellen die Heterogenität und fehlende Standardisierung die Unternehmen oftmals vor Schwierigkeiten. Dieser Herausforderung müssen und sollten sie sich nicht allein stellen.

Edge Computing, also die dezentrale Datenverarbeitung am Rand eines Netzwerks, ermöglicht eine Datenanalyse schon vor Ort, also direkt am Fließband in der Produktion, an einer Windkraftanlage oder wo auch immer. Nicht alles muss man direkt in eine Cloud bewegen, denn je nach Datenvolumen, das transferiert wird, kann das ganz schön teuer werden. Es geht immer um die beste Lösung, die man im Zweifel gemeinsam erarbeitet.

Schließlich haben sehr viele Menschen ein Unbehagen, Daten in die Cloud zu stellen, befürchten, dass Daten ausspioniert werden oder dass man sich einem Global Player auf Gedeih und Verderb ausliefert. Wir kennen diese Welt gut. Unsere Plattform läuft sowohl auf den großen Infrastruktur-Umgebungen (IaaS) wie AWS, Azure oder Alibaba, also auch auf der Edge (Gateways und IndustryPCs) sowie on-premises - und das bedeutet für den Kunden eine enorme Freiheit. Er entscheidet letztlich, wo es lang geht. Wir bieten die passende BtB-Plattform an, wie z.B. bei ADAMOS oder Siemens. Bei all dem sind wir ein unabhängiger Partner unserer Kunden, der über Plattformtechnologie verfügt, um dessen Daten zu integrieren und nutzbar zu machen. Dabei beanspruchen wir diese Daten aber nicht für uns – also kein Lock-in, keine Analyse der Daten für Software AG-Zwecke.

Was ist der Vorteil einer BtB-Plattform wie ADAMOS?

ADAMOS ist weltweit einzigartig durch das Joint Venture von Maschinenbauern wie Dürr, Zeiss, DMG Mori und ASM (später Engel und KARL MAYER) mit der Software AG. Es ist eine Win-Win-Situation, in der die Maschinenbauer ihr Fachwissen auf der IIoT-Plattform der Software AG (Cumulocity IoT) einbringen. In diesem neuen Ökosystem geht es um den Austausch von Erfahrungen zu Anwendungen und Geschäftsmodellen, die Arbeit an gemeinsamen Applikationen, also „Apps“, die viele der Maschinenbauer benötigen, und die Erschließung neuer übergreifender Wertschöpfungsketten. Zudem unterstützt die Software AG die Plattform über ihre IIoT App Factory bei der Beratung, Erstellung und Inbetriebnahme neuer Applikationen. ADAMOS verfügt mittlerweile über zahlreiche weitere sogenannte Enabling Partner, die den Maschinen-, Komponenten-, und Anlagenbauern dabei helfen, Anwendungen auf der Plattform zu entwickeln.

Die Plattform ADAMOS zeigt sehr anschaulich, wie wichtig Allianzen und offene Ökosysteme für den Erfolg in der deutschen Industrie sind. Durch sie können wir unseren Vorsprung weiter sichern. Allerdings benötigt dies aufgrund der Komplexität etwas mehr Zeit. Und die unternehmensübergreifenden Wertschöpfungsketten, Ökosysteme und Partner-Netzwerke müssen sich noch erheblich weiterentwickeln. Gegebenenfalls werden die sich dadurch ändern. Um in diesen neuen Wertschöpfungsketten zu partizipieren und einen relevanten Beitrag zu leisten, müssen sich die Unternehmen mit ihren Produkten und Leistungen zumindest in die technischen Plattformen integrieren können.

Welche Datenpools braucht der deutsche Mittelstand?

Es gibt zahlreiche branchenspezifische Datenpools für Stammdaten. Was allerdings fehlt, sind Datenpools für den Austausch von Live-/Prozess-/Sensor-Daten zur Integration in weiterführende Anwendungen. Ich denke dabei an Störereignisse in Service-Prozessen, Maschinen-Logbücher und Maschinenakten für Service-Dienstleister, Gebrauchtmaschinen, Gewährleistungsverfolgung, usw.

Die im Umfeld von Industrie 4.0 genutzten Technologien wie Cloud-Computing, Mobile (5G), Robotik, Analytics, M2M Kommunikation und IoT bedingen eine verstärkte Integration sowohl unternehmensintern aber auch unternehmensübergreifend. Es geht um die Integration von Daten in der gesamten Wertschöpfungskette, d.h. unter den beteiligten Ökosystempartnern für verbesserte Effizienz, Produktqualität, Prozessoptimierung sowie Prozesssicherheit. Die Integration der Datenpools ist derzeit die größte Herausforderung. Laut des Marktforschungsunternehmens Gartner verwenden 80% der IIoT-Projekte die Hälfte des Budgets für Integration, für Datenintegration, IT-Integration, OT-Integration, Cloud-Integration etc. Der deutsche Mittelstand muss die digitale Transformation meistern. Das Kennzeichen erfolgreicher digitaler Unternehmen sind datengetriebene Geschäftsmodelle mit überragender Anwender-Erfahrung, die in Software implementiert ist.

Wenn Daten das Öl unserer Zeit sind, dann sind IIoT-Plattformen die Raffinerie. Mit ihrer Hilfe bekommt man Konnektivität, d.h. Zugang zu den Daten (Maschinendaten als auch Businessdaten), kann durch Analysewerkzeuge Einblicke gewinnen und Mehrwerte erzeugen, z.B. Effizienz steigern, sowie veredelte Daten monetarisieren und gezielt bereitstellen, intern wie extern. Hierdurch lassen sich dann sogar neue Geschäftsmodelle etablieren.

IIoT-Plattformen bieten die technologische Basis für eine herstellerübergreifende Vernetzung sowie die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle. Die Heterogenität und fehlende Standardisierung stellt viele Unternehmen, besonders KMUs, vor Schwierigkeiten. Aber erst durch Cloud-basierte Lösungen kann das komplette Potenzial des IIoT gehoben werden. Die Möglichkeiten sind enorm!

Welche Problemlösungen werden besonders nachgefragt?

In erster Linie unsere IoT Plattform, Cumulocity IoT. Wir vertreiben diese sowohl direkt als auch indirekt. Im indirekten Fall bauen Partner unsere Plattform in deren Lösung ein. Beispiele hierfür sind ADAMOS, Siemens, Stanley Black & Decker sowie zahlreiche Telcos wie etwa die Deutsche Telekom. Typische Anwendungsfälle sind Effizienzsteigerungen in der Fertigung, Qualitätsmanagement, Remote Asset Management & Monitoring oder auch Vorbeugende Wartung. Mit TrendMiner ermöglichen wir unseren Kunden selbst Zeitreihenanalysen vorzunehmen. Dabei werden komplexe Verfahren wie etwa Korrelationen von Zeitreihen, Ähnlichkeitssuchen und auch Machine Learning im Hintergrund geschickt angewandt, ohne den Fachanwender damit zu konfrontieren. Darauf setzen Kunden in der Prozessindustrie wie BASF, Evonik, Total oder auch Pharmaunternehmen wie Pfizer.

Zunehmendes Interesse registrieren wir im Bereich von Edge Analytics. Insbesondere im Bereich Streaming Analytics, d.h. Echtzeitdatenanalyse im Shop-Floor durch den Maschinenbediener. Hier haben wir u.a. ein Co-Innovationsprojekt mit Dürr und ADAMOS. Nordex, ein Hersteller von Windkraftanlagen, setzt auf ein Zusammenspiel von Edge-Knoten mit einer Cloud-Plattform, also eine verteilte IoT-Architektur. So kann Nordex mehr als 5.500 Windturbinen steuern, überwachen und dank Datenanalyse z.B. die Energieerzeugung auf Windfarmebene optimieren. Diese mehr als 5.500 Windturbinen die erzeugen übrigens genug Windenergie für 11.5 Millionen Haushalte.

Ein weiteres, stark nachgefragtes Thema ist die Integration in bestehende Prozesse für z.B. Service und Wartung, Qualitätssicherung mit den bereits bestehenden IT-Systemen für ERP, Supply Chain oder Qualitätsmanagement. Auch Digitale Zwillinge sind gefragt und in unsere IoT-Plattform entsprechend verankert. Wenn es allerdings um komplexere Visualisierungen geht, wie etwa im Bereich Augmented Reality, arbeiten wir mit Partnern zusammen.

Die meisten Kunden befinden sich derzeit auf einer Art „IoT Reise“. Der Ansatz ist fast immer: „Think Big. Start Small. Move Fast!“ In der Regel gilt es, schnell Erfolge aufzuzeigen und dann eine funktionierende Lösung schrittweise zu erweitern. Bei dieser Reise begleiten wir unsere Kunden nicht nur mit Technologie, sondern auch Beratungs- und Betriebsdienstleistungen. Wenn er möchte, bekommt der er Kunde dabei alles aus einer Hand. Durch unseren offenen und erweiterbaren Ansatz entscheidet er aber, welche Komponenten er von uns einsetzt und wie er diese gegebenenfalls mit eigenen Softwarekomponenten und Drittsoftware geeignet kombiniert.

Wie verändert sich die Arbeits- und Betriebsorganisation in den Unternehmen?

Sie ändert sich fundamental. Deshalb darf man nicht vergessen, die Mitarbeiter in diese neue Welt Industrie 4.0 mitzunehmen. Nicht nur bei uns findet Arbeit immer weniger an einem klassischen Arbeitsplatz statt, dank moderner Kommunikationsmittel. Das ist doch in vielen Unternehmen schon so. Zudem können Servicetechniker, Maschinenbediener aber auch Manager jederzeit und auch außerhalb eines Unternehmens Zugriff auf Informationen haben und über Remote-Überwachung dann auch Einfluss nehmen. Durch die Einbindung der herkömmlichen Technologie-Welt (OT-Welt) in die IT-Welt können Arbeitsprozesse funktions- und bereichsübergreifend integriert werden und so z.B. aus einem Alarm oder Messwerten von der Maschine direkt ein Wartungsauftrag mit Ersatzteilbestellung angestoßen werden. In der Produktion können durch die Bereitstellung aller Maschinendaten in Echtzeit und entsprechender Aufbereitung Maschinenbediener frühzeitige Qualitätsabweichungen erkennen und andersherum die geplante Produktionsmenge und Produkte mit der Verfügbarkeit und Kapazität der Maschine im Vorfeld prüfen oder auf Störungen an der Maschine schnell reagieren, ohne vorher erst umfassend alle notwendigen Informationen recherchieren zu müssen.

Im Bereich Self-Service Analytics stellen wir u.a. mit TrendMiner ein Produkt bereit, um intelligente Zusammenhänge in Zeitreihen für Fachanwender gut erfassbar darzustellen. Das fällt dann unter das Motto: „Was ich schon immer über meine Anlage wissen wollte“. Wir bringen Systeme dazu, miteinander zu sprechen, und versetzen Fachanwender in die Lage, eigenständig die Daten zuzugreifen und eigene Analysen vorzunehmen, und das ist unsere Stärke. Im Hintergrund werden dabei komplexe mathematische Verfahren und Machine Learning eingesetzt. Eine intuitive graphische Oberfläche macht diese Werkzeuge für den Fachanwender einfach nutzbar, ohne dass sie dabei mit der Komplexität konfrontiert werden und folglich auch keine Data Scientists sein müssen, sondern sich auf ihre fachlichen Kenntnisse der Produktionsprozesse fokussieren können.

Wir arbeiten beispielsweise für Schwering & Hasse Elektrodraht – die produzieren jeden Tag rund um die Uhr 140.000 Kilometer lackierte Kupfer- und Aluminiumdrähte zum Beispiel für Siemens oder Continental. Durch die Überwachung von Produktionsparametern in Echtzeit sowie Prozessanalysen mit unseren Produkten konnte Schwering & Hasse schon die Qualität optimieren und die Effizienz erheblich steigern. Intelligente Maschinen der Zukunft werden kognitive Elemente enthalten, die Erkenntnisse aus Big-Data-Analysen direkt in der Maschine abbilden – dadurch wird der Maschinenbediener zusätzlich entlastet.

Teilen Sie unsere Vision einer Win-Win-Gemeinschaft, die IT-Nutzer (unsere klass. M+E-Unternehmen) und die IT-Anbieter (also Sie und die übrige IT-Industrie) zusammenbringt, um die digitale Transformation besser steuern zu können?

Ja, wir teilen diese Vision. Es ist extrem wichtig und braucht Offenheit, um die Themen gemeinsam anzugehen und die jeweiligen Erfahrungen aus IT und OT zusammenzubringen. So kann man gemeinsam neue und werthaltige Lösungen - über die Werkstore hinaus mit Partnern, Zulieferern und Endkunden - entwickeln und anbieten. Die Zusammenarbeit kann dabei vielseitig und unterschiedlich sein. Von gemeinsamen Projekten, strategischer Zusammenarbeit bis hin zu Joint Ventures wie ADAMOS. Wichtig bei der stattfindenden digitalen Transformation ist, dass die Vielzahl der möglichen Partner- und Geschäftsmodelle nicht mehr exklusiv sein können und es auch Bereiche und Themen gibt, in denen eine Wettbewerbssituation vorliegt. Dies ist dann zu akzeptieren und entsprechend transparent zu gestalten, da die Synergien und Potentiale in den Wertschöpfungsketten überwiegen.

Das Unternehmen
Die Software AG (SAG) in Darmstadt feiert 2019 ihr 50jähriges Bestehen und ist damit eines der ältesten und traditionsreichsten IT-Unternehmen der Welt. SAG gilt als zweitgrößtes deutsches Softwarenehmen als einer der Weltmarktführer für Softwarelösungen. Im Bereich Internet of Things (IoT) bietet das Unternehmen Lösungen zur Integration, Vernetzung und zum Management von IoT-Komponenten sowie zur Analyse von Daten und zur Vorhersage von zukünftigen Ereignissen auf Basis künstlicher Intelligenz. Weltweit beschäftigt die Software AG rund 4600 Mitarbeiter. Der Umsatz lag 2018 bei 866 Millionen Euro.

Zur Person

Dr. Jürgen Krämer wurde 1977 in Alsfeld geboren, er hat zwei Kinder und wird in Kürze heiraten. Nach dem Abitur studierte er an der Universität Marburg Informatik mit Nebenfach Physik und promovierte mit Auszeichnung. Er erhielt ein Stipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie und eine Managementausbildung der European Business School. Zudem gründete er die RTM Realtime Monitoring GmbH, ein preisgekröntes Spin-off der Universität Marburg zur Analyse von Daten, das 2010 von der Software AG aufgekauft wurde. Seitdem hatte er verschiedene Positionen bei der Software AG im Bereich Innovationen/F+E.

Aktuell ist er als General Manager IoT & Analytics im Unternehmen zuständig für das komplette Thema Internet der Dinge und verantwortet damit als Senior Vice President einen der vier Geschäftsbereiche der Software AG.