Best Practice aus der hessischen M+E-Industrie

Mit der "gut drauf"-Philosophie und Smart-Building-Lösungen auf dem Weg zur Top-Marke

„2025 werden wir die Hälfte unserer Erträge mit Geschäftsmodellen machen, die wir heute noch nicht kennen! Das heißt zwingend auch, hellwach zu sein und vor allem offen für Neues“, sagt Thomas Jäger, CEO von JÄGER DIREKT in Heppenheim.

Herr Jäger, was bedeutet für Sie Digitalisierung?

Die aktuell viel diskutierte Digitalisierung kann man m.E. nur als Dreiklang verstehen. Bei dem geht es zum einen um die kosteneffiziente Herstellung individueller Produkte in einer digitalisierten Produktion; zum anderen um Prozesse, die erst durch die Digitalisierung möglich werden, und schließlich vor allem um den Nutzen den wir für unsere Kunden schaffen können. Welche Lösungen verbessern sein Alleinstellungsmerkmal, seinen USP (unique selling proposition) und machen ihn am Markt erfolgreicher? Die Digitalisierung eröffnet hier unglaubliche Möglichkeiten und verändert uns und unsere bisher bekannte Welt zum Teil dramatisch. Die Kunst ist sicher auch, in einer sich verändernden, auf Effizienz ausgerichteten Organisation mit einer straffen Führung Raum zu lassen für eine Startup-Kultur, die die Kreativität fördert.



Wie nehmen Sie Ihre Mitarbeiter mit in die neue Welt?

Wir müssen wegkommen von der Angst vor der Digitalisierung und endlich mehr die Chancen erkennen, die sich daraus ergeben. Der Mensch ist nun mal ein Fluchttier. Er reagiert mit Angst, wenn er etwas nicht versteht. Also müssen wir lernen und lehren, erklären, weiterbilden und die Geisteshaltung ändern, mit der wir an die Dinge heran gehen. Grundsätzlich gibt es keinen großen Unterschied zwischen den Menschen hier in Europa und denen im Silicon Valley. Wirklich anders ist nur die jeweilige Geisteshaltung. Wenn die im Silicon Valley Lust verspüren, die Welt aus den Angeln zu heben, tun sie es einfach und probieren ihre Ideen aus. Bei uns stehen leider oft „die Bewahrer“ im Weg mit ihrer Angst vor Veränderung und diesem „Das haben wir doch noch nie so gemacht.“


Um aber allein das bisher Erreichte zu halten, müssen wir in Deutschland jedes Jahr mehr tun. Meist wird jedoch eher nach Besitzstandswahrung mit Aufwandsreduzierung gestrebt, was natürlich angesichts der Veränderungsdynamik nicht funktionieren kann. Wir müssen cleverer agieren und die Gangart ändern, also nicht schneller kriechen, sondern aufstehen und beginnen zu laufen. Wir wissen, dass wir Menschen nicht verändern können, dies kann nur jeder für sich selbst. Aber wir können unsere Blickwinkel, Sichtweisen und Notwendigkeiten vermitteln und immer wieder für Transparenz sorgen, welche Veränderungen in den Märkten welche Auswirkungen auf unsere Geschäftsmodelle und damit auf die Menschen in den Unternehmen haben. Aus unserer Sicht braucht es ein Fordern und Fördern, sowie den offenen und ehrlichen Umgang mit den Realitäten.

Wie funktioniert Ihre gut drauf Philosophie?

Wir haben uns mit den Inhalten und Vorgehensweisen in den letzten 30 Jahren immer wieder intensiv auseinandergesetzt, da die Mitarbeiter am Ende unser größtes Kapital darstellen. Die Menschen ernst nehmen und sie zu motivieren sich einzubringen, das zu tun was sie gerne tun und idealerweise dafür zu brennen, dies bezeichnen wir gerne als gut drauf-Philosophie. Überall wo uns dies gelingt verändert sich schlagartig die Geisteshaltung der Menschen und damit sofort auch die direkt und indirekt empfundene Lebensqualität. Sobald wir diesen Zustand erreicht haben, sind 80% der nötigen Herausforderungen geschaffen und die Menschen werden von Opfern der Veränderung zu „Tätern“. Die Menschen müssen das „Warum“ von Veränderungen verstehen. Sie brauchen starke Bilder, die mitreißen und motivieren. Durch die Digitalisierung hat lebenslanges Lernen eine neue Dimension erreicht. Über kurz oder lang kommt bei uns keiner mehr zurecht, der Sprachassistenten ablehnt und lieber alles per Hand eingibt. Wenn die Dinge in Echtzeit laufen, muss ich auch in Echtzeit reagieren, also zum Beispiel Informationen ins System einspielen. Das gilt auch für den kontinuierlichen Verbesserungsprozess (KVP), damit ich schon in der laufenden Produktion, direkt am Ort des Entstehens von Fehlern reagieren kann.  

Ist Ihre neue Elektrofabrik eine smarte Fabrik?

Ja sicher. Wir haben über 16 Millionen Euro in die Hand genommen für unseren Traum von einer smarten Elektrofabrik und sie in nur einem Jahr gebaut. Letztlich muss man m.E. nicht nur die Produktion, sondern das komplette System als smarte Fabrik begreifen. Das heißt, sie beginnt bei der Marktbeobachtung und Marktbearbeitung und geht bis zum After Sales Market. Was braucht der Markt, was wird er in Zukunft brauchen und wie agiere ich im Unternehmen, um auch in Zukunft zu bestehen? Nach meiner festen Überzeugung werden wir 2025 etwa 50 Prozent unserer Erträge mit Geschäftsmodellen machen, die wir heute noch nicht kennen. Das ist eine gewaltige Herausforderung auch für unser Unternehmen. Damit wir 2025 noch am Markt sind müssen wir immer offen, neugierig und sensibel sein. Wir dürfen Trends nicht verpassen, sondern sie vielmehr rechtzeitig erkennen und mitentwickeln.

Was kann Jäger Direkt?

Jäger Direkt haben wir 1990 gegründet, um Elektrikern sowie der Immobilienwirtschaft Produkte aber auch komplette Lösungen in hoher Qualität und der nötigen Prozessunterstützung direkt vom Hersteller bieten zu können, von Schaltern, intelligenten Steuerungen und LED-Konzepten bis zur Stromversorgung auf der Baustelle. Wir bieten ihnen ein riesiges Sortiment an elektrotechnischen Lösungen und eine für jede noch so spezielle Anforderung angepasste Sonderproduktion, egal ob es um Industrie, Gewerbe, Veranstaltungen oder Großbaustellen geht.

Vor rund 15 Jahren sind wir in den Smart Home-Bereich gestartet. Smart Home ist nach unseren Maßstäben massenfähig, wenn im Neubau ohne Zusatzkosten vernetzbare Installationen integriert werden können (Smart Home ready – ohne Mehrkosten) und die renovierungsfreie Nachrüstung in Bestandsgebäuden möglich ist. Diese beiden Anforderungen haben wir mit unserer Smart Solutions-Marke OPUS gelöst und somit einen Zielmarkt von über 40 Millionen Wohneinheiten und mehr als 3 Millionen Unternehmen alleine in Deutschland.

Die Keimzellen des Systems sind die intelligenten Schalter und Sensoren OPUS Bridge: Mit diesen Hybriden, die leitungsgeführt die 230V-Technik optional mit Funk verbinden, schaffen wir eine flexible, jederzeit vernetzbare Grundinstallation. Die privaten oder gewerblichen Anforderungen werden nach dem Bausteinprinzip auf- und ausgebaut. Dies kann und sollte an dem jeweiligen Nutzen orientiert ausgerichtet sein. Egal ob es um Energie-Effizienz, Komfort, Sicherheit oder die Integration von Geschäftsprozessen geht, die OPUS-Lösungswelt startet mit den einfachsten Funktionen und endet im fast grenzenlosen Universum der IoT-Welt mit z.B. Smart Quartier-App oder Smart City-Vernetzungen.

Zusätzlich ist OPUS aktuell das einzige professionelle Schalterprogramm, welches Apple zertifiziert ins Apple HomeKit integriert werden kann. Auf dieser Ebene kann dann jeder Kunde seine Installation sehr einfach und kostengünstig selbst weiterentwickeln. Dies schafft eine nie dagewesene Flexibilität und Freiheit.
Aber auch spezialisierte Zielgruppenanwendungen sind jederzeit möglich: z.B. die Detektion von Unfällen, Sturzerkennung oder Inaktivität von Senioren - mit entsprechender Auslösung von Echtzeitreaktionen etc. Oder in der Pflege können damit Hilfsbedürftige selbstbestimmt Licht, Fernseher oder Jalousien über die Sprache steuern, statt eine Pflegekraft zu benötigen.

Wie stehen Sie zur Datensicherheit?

Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit, nicht in der analogen und auch nicht in der digitalen Welt. Also kann es auch keine 100 Prozent Datensicherheit geben. Aber natürlich müssen wir alles tun, um unserer Verantwortung gerecht zu werden, wie wir mit Daten umgehen und sie schützen. Das Zauberwort für uns heißt hierzu vor allem Datenverantwortung. Das Versicherungen erkannt haben, dass Smart Home-Installationen u.a. Elementarschäden sowie Einbrüche signifikant reduzieren können und sie deshalb Versicherungsrabatte auf smarte, präventive Installationen geben, geht in die richtige Richtung. Warum sollte auch jemand aufwendig ein Smart Home hacken, wenn er beim Nachbarn durch das Einwerfen einer Scheibe viel einfacher, risikoärmer und unerkannt agieren kann? Fakt ist doch, dass viele Menschen auf die Technik nicht mehr verzichten möchten, wenn sie ihren persönlichen Nutzen erkannt haben. Vor drei Jahren hätte ich noch gesagt, dass man Sprachassistenten nicht braucht. Aber ich finde es nützlich, wenn die Jalousien hochfahren, nachdem Siri den „Guten Morgen“-Befehl bekommen hat oder in Büros, nachdem der letzte gegangen ist automatisch alles in den „Nachtmodus“ bringt und z.B. die Heizungsventile runterreguliert. Die meisten Menschen wollen keinen Kühlschrank, der selbstständig Lebensmittel nachbestellt, aber der Kühlschrank der eine Kamera hat, um während des Einkaufens nachschauen zu können, ob noch Milch oder Eier gebraucht werden – könnte einen echten Zusatznutzen haben. Letztlich geht es immer um die Frage: Welchen Nutzen hat die Lösung und was kostet diese!

Ein Ausblick in die Zukunft...

Wir wollen als Jäger Direkt Teil des IoT-/IoE-Ökosystems sein. Daran arbeiten wir und suchen den Weg zur komplett integrierten Vernetzung - von der Integration in unserer Produktion über unsere Prozesse bis zu den Mehrwerten, die wir unseren Kunden für deren Marktbearbeitung zur Verfügung stellen können. Dies reicht von predictive Maintenance-Anwendungen für die vorausschauende Wartung, den anwesenheitsorientierten Energieeffizienz-Maßnahmen von Beleuchtung und Wärme bis zu Maschinen-Learning- und KI-Einbindungen.

Es ist enorm, wie viel Nutzen allein Smart Building-Lösungen bringen können, wenn das Gebäude mit den Geschäftsprozessen verbunden werden kann. Nehmen Sie das Beispiel Meeting: Durch den Versand einer Meeting-Einladung bekommt der Empfänger den Zugangscode zum Gebäude und zum Raum, in dem das Treffen stattfindet. Dies wird digital gebucht, inklusive Bestuhlung, Catering, Medientechnik, Belegungsanzeige und etlichem mehr, zusätzlich werden die benötigten Parkplätze reserviert und entsprechend mit den Gästenamen beschriftet. Ergänzend dazu werden die Gäste auf den dafür vorgesehenen Displays namentlich begrüßt sobald sie das Gebäude betreten, denn das System erkennt, dass Sie nun da sind und informiert alle Meeting-Teilnehmer plus ggf. weitere Personen, die für eine kurze Begrüßung eingeplant sind. Und wird das Meeting kurzfristig gecancelt gibt das System alle Bereiche wieder frei.

Es ist nicht mehr zeitgemäß, dass hochbezahlte Spezialisten viel wertvolle Zeit vergeuden, weil sie einen freien Besprechungsraum suchen und sich dann ggf. noch um die vielen Details kümmern müssen. Inzwischen werden Gebäude errichtet für 1000 Mitarbeiter, aber  nur noch 400-500 Arbeitsplätze geplant. Wo arbeiten die alle und wann? Auch das ist Teil des Ökosystems, das mit smarter Technik unterstützt und gemanagt wird. Die Ängste der Menschen müssen wir dem Nutzen gegenüberstellen, der sich aus der Digitalisierung für sie ganz persönlich, aber auch für die Wirtschaft und damit für unser aller Wohlstand ergeben kann. Ansonsten werden wir zu lange brauchen und den Anschluss an die Weltmärkte verlieren.

Das Unternehmen
JÄGER DIREKT wurde 1990 gegründet und hat sich bis heute zur mittelständigen, familiengeführten Unternehmensgruppe (JF-Group) für elektrotechnische Produkte, Systeme und Serviceleistungen entwickelt. Kern des Sortiments bilden die in Deutschland produzierten Qualitätsmarken. Insgesamt werden 350 Mitarbeiter beschäftigt. Die Hauptmärkte liegen in Mitteleuropa. 2016 wurde in Heppenheim auf insgesamt 25.000 Quadratmeter eine hochmoderne Elektrofabrik gebaut.

Zur Person
Thomas Jäger wurde 1965 in Heppenheim geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach der Ausbildung zum technischen Kaufmann gründete er 1990 mit 25 Jahren gemeinsam mit Franz-Josef Fischer, Horst Rettig und Kori Landzettel Jäger Direkt in Fürth im Odenwald.