Die Zukunft der produktiven Arbeit

Wettbewerbs- oder Mitarbeiterorientierung – ein ewiger Widerspruch?

„Bereits heute befassen sich mehr als zwei Drittel der Metall- und Elektro-Unternehmen in Hessen mit Industrie 4.0. Um die Herausforderungen einer Produktion der Zukunft zu bestehen, benötigen unsere Unternehmen neben den klassischen Kompetenzen auch immer mehr Optimierer, mehr Teamplayer, mehr emotional Intelligente und mehr Neugierige mit Eigeninitiative. Und am liebsten eine bunte Mischung davon – am liebsten schon in einer Person, jedenfalls aber in den Teams“, skizzierte Wolf Matthias Mang, Vorstandsvorsitzender von HESSENMETALL auf der jährlichen Spitzenveranstaltung HESSENFORUM die Kompetenzen, die Arbeitgeber künftig von ihren Arbeitnehmern verstärkt erwarten müssen.

Im Frühjahr 2015 hatte HESSENMETALL seine Mitgliedsunternehmen nach ihren Einschätzungen zur Digitalisierung ihrer Produktionsprozesse und den hierfür notwendigen Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter befragt. 177 Unternehmen mit 86.000 Beschäftigten haben geantwortet. 83 Prozent der an der Befragung teilnehmenden Mitgliedsunternehmen suchen neben dem fachlichen Experten auch „den Optimierer“, der sich nicht auf seinem Fachwissen ausruht, sondern stetige Verbesserungen antreibt. 74 Prozent suchen auch den Prozessintegrator, der sich selbst organisiert und sich in Teams gut integriert. 67 Prozent erwarten auch den international Vernetzten, sprachgewandt und emotional kompetent. Und 64 Prozent verlangen den eigenmotiviert Neugierigen, der Lerntechniken, Eigeninitiative und Investitionsbereitschaft mitbringt. Auch wenig Qualifizierte meisterten z. B. neue digitale Technologien für ihren privaten Gebrauch: vom Smartphone bis zur Smartwatch. Von hier aus sei es nur ein kleiner Schritt, dieses Wissen auch im Beruf sinnvoll anzuwenden. Solche Transfers gehörten zur Zukunft der produktiven Arbeit.

„Um wettbewerbsfähig zu sein, brauchen Unternehmen kluge Tarifpolitik“, führte Gesamtmetallpräsident Dr. Rainer Dulger aus. „Wir müssen den Unternehmen durch unsere Tarifverträge mehr Wettbewerbsfähigkeit und zugleich größtmögliche Mitarbeiterorientierung ermöglichen. Dazu brauchen wir eine atmende, flexible Tarifpolitik, ganz im Sinne der Pforzheimer Beschlüsse aus dem Jahr 2004 mit Abweichungsmöglichkeiten je nach betrieblicher Lage und betrieblichen Interessen. Pforzheim war nicht nur für den Krisenfall gedacht. Es dient auch dem Zweck, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhöhen oder Investitionen im Inland zu ermöglichen. Auf diesem Weg müssen wir weitergehen und auch für das Thema Arbeitszeitgestaltung neue, zeitgemäße Lösungen entwickeln.“ Die Erfahrung habe gezeigt, dass „wir mit unserem System flexibler Arbeitszeiten ein Stück weit die Nachteile unserer hohen Kosten und unserer kurzen Arbeitszeiten wettgemacht haben.“ Flexibilität sei eine notwendige und vereinbarte Ergänzung zur 35-Stunden-Woche und stärke damit auch die Arbeitsplatzsicherheit unserer Mitarbeiter.

Michael Geil, Sirona Dental Systems GmbH in Bensheim

Die Balance zwischen Arbeitszeitflexibilität, Mehrarbeit und Schichtmodellen ist der Schlüssel zum Erfolg.

„Markt- und börsenorientiert, mit viel Freiheiten für Mitarbeiter“, so beschreibt Geschäftsführer Michael Geil die Sirona Dental Systems GmbH in Bensheim, den Markt- und Technologieführer rund um das Zahnarzt-Equipment. „Gleitzeit und verschiedene Arbeitszeitmodelle geben Mitarbeitern wie Unternehmen ein hohes Maß an Flexibilität für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mehrarbeit und Samstagsarbeit bei Forschungs- und Entwicklungs-Projekten oder im Service sowie Schichtmodelle in der Produktion und Logistik sind herausfordernd, aber notwendige Rahmenbedingungen. Wir arbeiten ständig an Lösungen, die für beide Seiten befriedigend sind. Das Unternehmen ist in den letzten zwei Jahren im Schnitt zweistellig gewachsen, was sich auch sehr positiv auf die Stellenbesetzungen ausgewirkt hat. Eine erfolgreiche Entwicklung, die wir weiterverfolgen müssen.“

Dr. Ingo Koch, CFO der Samson AG in Frankfurt am Main

Durch Innovationskraft den Standort sichern

„Solange es uns gelingt, hier immer dem Wettbewerb bei Innovationskraft und bei qualifizierten, motivierten Mitarbeiter die berühmte Nasenlänge voraus zu sein, können wir auch im Hochlohnland Deutschland produzieren und den Standort innerhalb der Gruppe rechtfertigen. SAMSON ist ein Aus- und Weiterbildungsunternehmen. Wir binden die jungen Menschen am liebsten direkt an uns, stimmen sie auf die SAMSON-Kultur ein und haben damit die besten Erfahrungen gemacht. Wir bieten 12 verschiedene Ausbildungsberufe und haben aktuell 140 Azubis. Auf die Ausbildungsquote von knapp 9 Prozent sind wir sehr stolz. Da bezahlbare Wohnungen in Frankfurt für Azubis schwer zu finden sind, haben wir für die, die von weit her zu uns kommen, eigenen Wohnraum geschaffen. Aktuell bieten wir Platz für etwa zehn junge Leute. Und wir pflegen engen Kontakt zu Hochschulen, bieten Praktika, Bachelor- und auch Master-Arbeiten an.“

Stefan Weber, Geschäftsführer der Duktus Wetzlar GmbH

Wir versuchen zu geben und zu nehmen

„Jeder Mitarbeiter ist ein Treiber von Innovation und Produktivität. Als Gießereibetrieb haben wir viele an- und ungelernte Mitarbeiter, viele davon mit Migrationshintergrund. Anhand unserer Mitarbeiterstruktur kann man rückwirkend jede Zuwanderungswelle in Deutschland ablesen. Entsprechend bunt ist der Mix an Nationalitäten, eben ein echter Schmelztiegel. Wir betreiben einen großen Aufwand, auch Ungelernte anzulernen und kontinuierlich weiter zu bilden. Denn auch sie leisten ihren Beitrag für eine produktive Fertigung. Für das Unternehmen ist es optimal, wenn sich jeder Mitarbeiter in der Produktion an möglichst vielen Stellen auskennt und dort eingesetzt werden kann. Manche möchten aber lieber immer den gleichen Job machen. Dann versuchen wir, das zu ermöglichen. 3-Schicht-Betrieb von Montag bis in den Samstag hinein, manchmal je nach Auftragslage sogar noch am Sonntag, ist ohne Zweifel anstrengend. Umso mehr versuchen wir, flexibel auch auf persönliche Wünsche zu reagieren. Alle zwei Jahre führen wir eine Mitarbeiterbefragung durch. Beim Punkt ,Zusammenspiel von Arbeitsbelastung und persönlichen Freiräumen` bekommen wir gerade von den Mitarbeitern in der Produktion sehr gute Bewertungen. Wir versuchen zu nehmen und zu geben. Und das kommt richtig gut an und es spricht sich herum. Unser guter Ruf bringt uns neue Mitarbeiter. Viele sind schon in vierter Generation hier. Bei den Bewerbern um die Ausbildungsplätze sind immer Mitarbeiterkinder dabei. Auch das zeigt uns, dass wir offensichtlich etwas richtig machen.“

Ansprechpartner
Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse

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