Herausforderungen für den Standort


Strukturwandel fordert Metall- und Elektro-Industrie heraus

Die Metall- und Elektro-Industrie (M+E) in Deutschland steht zurzeit gut da. Zum Glück – denn sie hat in den nächsten Jahren einen Strukturwandel mit zwei ungewöhnlich großen Herausforderungen zu meistern.Der Umbau der Produktion hin zu digitalisierten, „intelligenten“ Fabriken (Industrie 4.0) und die sukzessive Marktdurchdringung der Automobilindustrie mit neuen Antrieben wie z. B. der Elektromobilität, die uns noch jahrelang beschäftigen wird , erfordern erhebliche Investitionen.

Wo diese Investitionen hinfließen – und wo damit in Zukunft die Produktion stattfindet – ist aber keineswegs sicher. Schon heute müssen wir feststellen, dass Investitionen vor allem in ausländische Standorte erfolgen. Und anders als noch vor 20 Jahren sind diese Standorte längst da, so dass Unternehmen viel schneller als früher auf ungünstige Bedingungen am Standort Deutschland reagieren können. Dabei geht es um die Arbeitskosten, die viel schneller steigen als bei den Wettbewerbern, aber auch um die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Wir haben alle Chancen, aus den Umbrüchen gestärkt hervorzugehen. Aber das gelingt nur, wenn sich Unternehmen und Belegschaften diesen Herausforderungen auch stellen, sich auf gewaltige Veränderungen einstellen, die digitale Transformation aktiv steuern und durch beschleunigte Innovation neue Produktivitätsvorsprünge herausarbeiten.

Sieben Gründe, warum wir uns auf dem Erreichten nicht ausruhen dürfen:

 

 

1. Der Aufschwung ist gedopt

1. Der Aufschwung ist gedopt

Niedrige Zinsen und ein moderater Ölpreis entlasten derzeit die Unternehmen. Und der Euro, der relativ zum Dollar immer noch viel schwächer ist als im vergangenen Jahrzehnt, fördert das Geschäft der M+E-Industrie auf vielen internationalen Märkten. Diese günstigen Rahmenbedingungen überdecken eine dahinter liegende gefährliche Kostenentwicklung in der M+E-Industrie: Die Lohnstückkosten, also die Arbeitskosten je Produkteinheit, lagen 2016 um 10 Prozent höher als 2012, dem ersten Jahr nach Überwindung der letzten großen Wirtschaftskrise.

 

 

Dass Rahmenbedingungen dauerhaft so bleiben, ist keineswegs ausgemacht – die jüngste Erhöhung des Ölpreises und des Dollarkurses machen deutlich, wie schnell das Pendel umschlagen kann. Auf solchen Sondereffekten lässt sich keine nachhaltige Entwicklung begründen, schon gar nicht in der Lohnpolitik.

2. Für die Investoren spielt die Musik im Ausland

37 Milliarden Euro haben die M+E-Unternehmen im Jahr 2016 in Deutschland investiert. Das klingt viel – allerdings reicht das schon seit längerem gerade mal aus, um die Substanz zu erhalten: Der Betrag liegt kaum höher als die Abschreibungen auf Bauten und Ausrüstungen, in manchen Regionen, etwa Baden-Württemberg, liegt er sogar darunter.

Dagegen investieren die deutschen M+E-Unternehmen immer mehr im Ausland. Fast 60 Prozent planen aktuell Auslandsinvestitionen.

 

Die Gründe für Investitionen im Ausland sind neben Markterschließung und Kundennähe vor allem die niedrigeren Produktionskosten. Auch wenn man den Verschleiß gegenrechnet, wächst – im Gegensatz zum Inland – der Kapitalstock: Die Bestände an Direktinvestitionen der M+E-Unternehmen im Ausland stiegen von 160 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf rund 204 Milliarden Euro im Jahr 2015.

3. Die Arbeitskosten sind ein entscheidender Standortnachteil

3. Die Arbeitskosten sind ein entscheidender Standortnachteil

Die M+E-Industrie in Deutschland geht mit hohen Arbeitskosten in den internationalen Wettbewerb: 42,80 Euro kostete 2015 im Schnitt die Arbeitsstunde, mehr als in fast allen anderen Industriestaaten, Tschechien hat 25 Prozent der deutschen Arbeitskosten, Polen 20 Prozent.

 

Da die Arbeitskosten im Schnitt knapp ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen, heißt das: Ein Produkt, bei uns für 1.000 Euro gefertigt wird, kostet in Polen 755 Euro, bei in der Regel gleicher Qualität.

Allein die Kostenbelastungen aus den Abschlüssen der letzten vier Tarifrunden seit 2012 summieren sich auf 19,5 Prozent. Das wurde keineswegs durch höhere Produktivität ausgeglichen, so dass die Lohnstückkosten, also die Arbeitskosten je Produkteinheit, zuletzt deutlich gestiegen sind. In Frankreich, Finnland, Belgien, Italien und Schweden sind sie dagegen praktisch nicht gestiegen oder sogar gefallen Diese Entwicklung belastet die internationale Wettbewerbsfähigkeit der M+E-Industrie ganz erheblich – vor allem der Firmen mit hohen Personalkostenanteilen.

4. In der Produktion wird inzwischen Personal abgebaut

4. In der Produktion wird inzwischen Personal abgebaut

Obwohl die Beschäftigung insgesamt steigt, findet gleichzeitig in der Produktion ein Personalabbau statt – bei einfachen Tätigkeiten schon länger, aber zunehmend auch bei Facharbeiter-Tätigkeiten. Dass sich die Gesamtzahl der Beschäftigten trotzdem leicht positiv entwickelte und im April dieses Jahres 3,875 Millionen betrug, liegt daran, dass Arbeitsplätze in den indirekten Bereichen Jobs aufgebaut wurden: vor allem in Forschung und Entwicklung, Marketing oder Design.

 


Im Zuge der Digitalisierung und Vernetzung der Produktionsprozesse („Industrie 4.0“) erwarten Experten, dass einfache Tätigkeiten teilweise stärker von Maschinen übernommen werden könnten. Kräftige Entgeltsteigerungen erhöhen den Druck auf die Unternehmen, das auch zu nutzen. An- und Ungelernte, die so unnötigerweise aus der Beschäftigung in der M+E-Industrie gedrängt werden, haben kaum eine realistische Chance, woanders einen gleichwertigen Arbeitsplatz zu finden.

5. Der Fachkräftemangel raubt uns Chancen

5. Der Fachkräftemangel raubt uns Chancen

Dass Produkte Made in Germany trotz der hohen Kosten in der Welt gefragt sind, ist nicht zuletzt ein ganz wesentlich ein Verdienst der Arbeitnehmer: Gut qualifizierte Fachkräfte zählen bislang zu den besonderen Stärken des Standorts. Doch der wachsende Fachkräftemangel gerade in den MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) ist inzwischen für viele M+E-Unternehmen das größte Problem. Jeder siebte Betrieb muss wegen Arbeitskräftemangel Einschränkungen der Produktion hinnehmen. Und jeder zehnte Ausbildungsplatz bleibt inzwischen mangels geeigneter Bewerber unbesetzt.

 



Die Überlegungen der IG Metall, die Arbeitszeit durch die Option einer 28-Stunden-Woche weiter zu verkürzen, würden die Fachkräftelücke noch vergrößern und den Standort massiv gefährden. Die Unternehmen brauchen ein ausreichendes Arbeitszeitvolumen, denn Arbeit muss erledigt werden, wenn es die Kunden fordern. Und klar ist auch: Arbeit darf nicht noch teurer werden.

6. Wenn wir nicht gegensteuern, droht eine Kettenreaktion

6. Wenn wir nicht gegensteuern, droht eine Kettenreaktion

Jedes vierte M+E-Unternehmen macht Verluste oder schreibt gerade mal eine schwarze Null.

 

 

Und auch bei denen, die besser verdienen, wird nicht selten die teure Inlandsproduktion durch Auslandsaktivitäten quersubventioniert. Allein von 2010 bis 2015 stieg die Zahl der M+E-Unternehmen und Beteiligungen im Ausland um 23 Prozent auf 6.580, dahinter stehen 1,78 Millionen Beschäftigte und 763 Milliarden Euro Jahresumsatz. Zudem zeigen Rückmeldungen aus den Unternehmen: In den Wachstumsmärkten der Welt kommt die Dynamik zunehmend aus etwas einfachen Produkten. Diese können in Deutschland kaum noch wettbewerbsfähig produziert werden.

Wenn aber einfache Produktionstätigkeit am Standort Deutschland unbezahlbar wird, hat das Folgen: Es wandern dann schnell auch produktionsnahe Tätigkeiten ab und irgendwann schließlich die entsprechende Entwicklung. Der Standort Deutschland lebt davon, dass wir hier im Land die gesamte Wertschöpfungskette der M+E-Industrie abbilden können. Reißt davon ein Glied, droht mittelfristig auch der Verlust weiterer Wertschöpfungsschritte.

7. Es gibt eine Lösung: Mehr Flexibilität!

7. Es gibt eine Lösung: Mehr Flexibilität!

Hohe Flexibilität ist ein wichtiger Ausgleich für hohe Arbeitskosten am Standort Deutschland. Instrumente wie Zeitarbeit, Befristungen und tarifliche Regelungen etwa zu Zeitkonten ermöglichen es Firmen, auf die jeweilige Auftragslage zu reagieren. Das gleiche gilt für Werkverträge – also die unternehmerische Entscheidung, in einer bestimmten Marktsituation eine bestimmte Leistung nicht selbst zu erbringen, sondern einzukaufen. Die Stammbeschäftigung wird nicht verdrängt, sie wächst. Die Zahl der Zeitarbeiter liegt bei nur 5 Prozent der Stammbelegschaften.

 



Der Auftragsbestand in der M+E-Industrie reichte im April 2017 für 3,6 Produktionsmonate. Bei manchem Mittelständler sind es gerade einmal zehn bis zwölf Tage. Kundenwünsche werden individueller, Lieferzeiten kürzer, Nachfrageschwankungen für einzelne Produkte immer ausgeprägter. Vor diesem Hintergrund ist mehr Flexibilität der Königsweg, um Produktion am Hochlohn-Standort Deutschland zu sichern.

Das gilt auch für die Tarifpolitik. Die M+E-Industrie ist sehr heterogen: Die unter diesem Dach zusammengefassten Branchen, Fachzweige und sogar Unternehmen innerhalb einer Branche sind von den Ausschlägen der Märkte und der Konjunktur ganz unterschiedlich stark betroffen. Wir benötigen dringend, über das bisherige Maß hinaus, betriebliche Differenzierungsmöglichkeiten. Sonst schwindet die Akzeptanz der Tarifbindung in den Unternehmen weiter.

8. Strukturbericht für die M+E-Industrie

Zur Herausforderung Standort bietet der aktuell vorgelegte Strukturbericht für die M+E-Industrie in Deutschland interessante Einsichten.  M+E-Industrie sorgt für 8 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland.

Der Strukturbericht zeigt Deutschland im Standortvergleich auf Platz 7 im Niveau-Ranking, im Dynamik-Ranking auf Platz 22: Mit günstigen Platzierungen in den Kategorien Markt, Ressourcen, Wissen, Governance und Infrastruktur, aber mit sehr schlechten Plätzen 35 und 36 bei den Kosten. Zum anderen bietet er auf Basis einer repräsentativen Umfrage erstmals eine Quantifizierung der Investitionen in die Digitalisierung an: Schon heute investieren 11 Prozent der deutschen M+E-Unternehmen mehr als 6 Prozent ihres Umsatzes, in 5 Jahren werden es sogar 40 Prozent der Unternehmen sein.



Der Bericht macht deutlich, wie wichtig eine dynamische M+E-Industrie für die deutsche Wirtschaft ist. Doch wird es für die Unternehmen immer schwieriger, produktiv zu wirtschaften. Beispiel Arbeitskosten: Nur drei europäische Länder – Dänemark, Belgien und Schweden – liegen über dem deutschen Niveau. Arbeit ist in der Industrie inzwischen so teuer, dass Investitionen in den Aufbau neuer Kapazitäten fast ausschließlich im Ausland stattfinden, und zwar vor allem aus Kostengründen. In der zu Ende gehenden Legislaturperiode wurden reihenweise politische Entscheidungen getroffen, die die Sozialausgaben auf Rekordniveau getrieben haben. Die Rente mit 63 und die Mütterrente sind beste Beispiele dafür.



Die Erwartungen der M+E-Industrie an die Politik in der nächsten Legislaturperiode seien deshalb klar, so Gesamtmetall-Präsident Dr. Rainer Dulger: „Die Sozialversicherungsbeiträge müssen bei maximal 40 Prozent gedeckelt werden. Jeder Cent, der ausgegeben wird, muss erst einmal verdient werden. Jeder zusätzliche Anstieg der Arbeitskosten gefährdet das Fundament, auf dem das gesamte System steht. Eine Regierung, die die 40-Prozent-Grenze preisgibt, sendet ein absolut negatives Signal an alle, die Investitionsentscheidungen treffen müssen.“

Den kompletten  M+E-Strukturbericht 2017 als pdf-Datei.