Bröckelnder Standort


Der Standort Deutschland ist noch gut – aber lange nicht so gut, wie viele glauben. Und noch entscheidender: Die Qualität und Attraktivität des Standortes bröckelt, und das seit Jahren.


An erster Stelle steht dabei die Summe der Arbeitskosten, die sich immer weiter von unseren Wettbewerbern wegentwickelt, aber auch die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (vom Vertrauen in die Verlässlichkeit politischer Entscheidungen bis zum Umgang mit der demografischen Entwicklung) haben gelitten. Diese Entwicklungen sind kein unabwendbarer Schicksalsschlag, sie sind das Ergebnis einer Standortillusion und daraus resultierender Entscheidungen. Das bedeutet aber auch: Dieser Prozess lässt sich stoppen und sogar umkehren – noch. 

Unsere Serie zeigt in Analysen von A wie Arbeitskosten bis W wie Wertschöpfung, woran es hapert und worin wir besser werden müssen.

Arbeitskosten können kaum noch kompensiert werden

Arbeitskosten können kaum noch kompensiert werden

Die hohen Arbeitskosten in Deutschland sind ein entscheidender Standortnachteil, der bisher durch andere Faktoren – z.B. höhere Qualität und Produktivität – ausgeglichen wurde. Doch die Wettbewerber holen auf, während hier gleichzeitig die Kosten steigen.

Die M+E-Industrie in Deutschland geht mit hohen Arbeitskosten in den internationalen Wettbewerb: 40,90 € kostete 2015 im Schnitt die Arbeitsstunde (IW Köln) und liegt damit um ein Sechstel über dem internationalen Durchschnitt.  Nur in Schweden, Belgien und der Schweiz liegen die Arbeitskosten noch höher. Die wichtigsten europäischen Wettbewerber können mit deutlich niedrigeren Arbeitskosten kalkulieren. So werden in Tschechien nur rund 25 Prozent der deutschen Arbeitskosten veranschlagt, in Polen sogar nur 20 Prozent.



Der Anteil der Arbeitskosten beträgt bei einzelnen Unternehmen mehr als 50 Prozent, im Durchschnitt in der M+E-Industrie – wenn man korrekterweise die Personalkostenanteile in Vorprodukten einrechnet –  bei mehr als 30 Prozent. Für die Unternehmen kostet unter ansonsten gleichen Bedingungen, damit ein Produkt, das in Deutschland für 1.000 € gefertigt wird, in Polen lediglich 755 € – bei in der Regel gleicher Qualität. Dabei geht es nicht etwa "nur" um den Stundenlohn. Die Personalzusatzkosten - also alles, was zusätzlich zum Lohn für tatsächlich
geleistete Arbeit gezahlt wird - machen einen erheblichen Teil des Lohns aus. Im westdeutschen Verarbeitenden Gewerbe kommen auf je 100 € Direktentgeld 76 € Personalszusatzkosten. Damit liegt Deutschland im Mittelfeld.

Eine Tariferhöhung um ein Prozent kostet die M+E-Unternehmen insgesamt etwa 2,4 Mrd. € im Jahr. Die Kostenunterschiede fallen zunehmend ins Gewicht, weil viele Wettbewerber in den vergangenen Jahren große Fortschritte bei Produktivität, Qualität und Qualifikation ihrer Beschäftigten gemacht haben

Kosten explodieren, Produktivität im Seitwärtsgang

Kosten explodieren, Produktivität im Seitwärtsgang

Lohn-, Arbeits- und Lohnstückkosten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und hessischen Standorte hat sich dadurch deutlich verschlechtert.

Die tariflich vereinbarten Entgelterhöhungen in der M+E-Industrie haben das Tarifniveau von 2006 bis 2016 um mehr als 36 Prozent erhöht. Seit Sommer 2008 – vor dem Krisen-Einbruch – sind die Lohnkosten der M+E-Industrie in Deutschland um etwa 22 Prozent gestiegen. Auch wenn mit den Tarifabschlüssen Kompromisse gefunden und noch weitergehende Belastungen verhindert werden konnten, unter dem Strich steht dennoch: Allein die Kostenbelastungen aus den Abschlüssen der letzten vier Tarifrunden seit 2012 summieren sich auf 19,5 Prozent!

Von 2012 bis 2015 sind die Arbeitskosten in der M+E-Industrie in Deutschland um knapp drei Prozent pro Jahr gestiegen. Bei wichtigen europäischen Wettbewerbern lag der Anstieg deutlich darunter (Grafik):



Die steigenden Lohnkosten konnten bei M+E nicht durch eine wachsende Produktivität ausgeglichen werden: Sie ist von 2012 bis 2015 um lediglich 0,5 Prozent gestiegen. Daraus ergibt sich eine Steigerung der Lohnstückkosten um 8,5 Prozent für den gesamten Zeitraum bzw. 2,8 Prozent pro Jahr. Diese Entwicklung belastet die internationale Wettbewerbsfähigkeit der M+E-Industrie ganz erheblich – vor allem die Firmen mit hohen Personalkostenanteilen.
Ebenso wie die Arbeitskosten sind auch die Lohnstückkosten unserer europäischen Wettbewerber weniger stark gestiegen (zweite Spalte der Tabelle).

Seit Jahren stagniert die Produktivität nun und verschlechtert somit die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Dabei ist eine hohe und steigende Produktivität für die M+E-Industrie in Deutschland enorm wichtig. Nur so kann sie trotz hoher und ständig steigender Lohnkosten ihre internationale Spitzenposition behaupten und im Export erfolgreich sein.

Investitionen im Inland stagnieren

Investitionen im Inland stagnieren

In Deutschland wird kaum noch in Kapazitätsausweitung investiert, Wachstum findet fast ausschließlich im Ausland statt. Als Gründe werden immer häufiger Kosten genannt. In Deutschland haben die M+E-Unternehmen 2015 rund 38 Mrd. Euro in Bauten und Ausrüstungen investiert.  Allerdings überschreiten die Brutto-Investitionen die Abschreibungen seit Längerem kaum noch, es wird also lediglich der Bestand gehalten: Bundesweit lagen die Investitionen in acht Jahren vier Mal über, vier Mal unter den Abschreibungen.

In Baden-Württemberg lagen in den vergangenen elf Jahren die Investitionen meist sogar unter den Abschreibungen. Es findet eine schleichende Deindustrialisierung statt. Ein Indiz dafür ist auch, dass trotz steigender Effizienz die Produktion stagniert. Dagegen investieren die deutschen M+E-Firmen immer mehr im Ausland: Von 1995 bis 2012 stieg der Bestand deutscher Direktinvestitionen in ausländische Industriestandorte um mehr als 350 Prozent (von 77 auf 352 Mrd. Euro; Quelle: Bundesbank).

Der Bestand an ausländischen Direktinvestitionen der M+E-Unternehmen stieg von 160 Mrd. Euro in 2010 auf 187 Mrd. Euro im Jahr 2013 (+17 Prozent). Als Gründe für Investitionen im Ausland werden neben Markterschließung und Kundennähe immer mehr die Kosten (günstigere Produktion als in Deutschland) genannt. Andere Faktoren – auch Abwanderung von Kunden aus Deutschland oder Netzwerke/Kooperationen – spielen dagegen eine untergeordnete Rolle.

Flexibilität schwindet

Flexibilität schwindet

Hohe Flexibilität ist einer der wichtigsten Ausgleichsfaktoren für hohe Arbeitskosten am Standort Deutschland, denn die Kundenwünsche werden individueller, Lieferzeiten kürzer, Produktzyklen ebenso, konjunkturelle (Markt-) Schwankungen für einzelne Produkte immer ausgeprägter. Wird sie eingeschränkt, geht die Wettbewerbsfähigkeit am Standort verloren.

In der Auseinandersetzung um die Arbeitszeit in den 80er-Jahren lautete am Ende der Kompromiss: Arbeitszeitverkürzung gegen mehr Flexibilität. Dieser Kompromiss darf weder vom Sozialpartner noch von der Politik aufgekündigt werden, sonst steht die Geschäftsgrundlage der 35-Stunden-Woche in Frage.

Etwa 30 bis 40 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die M+E-Industrie mit Produktinnovationen. Der Auftragsbestand beträgt im Schnitt nur 3,1 Produktionsmonate (Oktober 2016). Bei manchem Mittelständler sind es gerade einmal 10 bis 12 Tage. Flexible Instrumente wie Zeitarbeit, Befristungen, tarifliche Regelungen (z.B. Zeitkonten) oder make-or-buy-Entscheidungen durch Werkverträge ermöglichen es Firmen, auf die jeweilige Auftragslage zu reagieren.

Eine Verdrängung von Stammbeschäftigung ist nicht zu beobachten, im Gegenteil: Die Stammbelegschaften wachsen noch. Die Zahl der Zeitarbeitnehmer bei M+E hingegen ist seit 2011 um 20 Prozent gesunken. Mitte 2015 waren rund 190.000 Zeitarbeitskräfte beschäftigt, das entspricht lediglich 5 Prozent gemessen an den Stammbeschäftigten.



Zugleich formulieren Politik und Gewerkschaften zusätzliche Arbeitnehmerrechte, die nur mit flexiblen Instrumenten zu organisieren sind: Durch die Kombination von Elternzeit, (Familien-) Pflegezeit und dem geplantem Recht auf befristete Teilzeit mit Rückkehrrecht in Vollzeit kann ein Mitarbeiter bald über nahezu zwei Jahrzehnte hinweg im mehrfachen Wechsel entweder vollständig anwesend, in Teilzeit oder vollständig abwesend sein. 


Dabei zeigt die betriebliche Wirklichkeit, dass pauschale Regelungen keinem helfen. Sie verhindern einen notwendigen Interessensaustausch zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, welcher von Kriterien wie der Betriebsgröße und der internationalen Aufstellung des Unternehmens abhängig ist.

Die M+E Industrie arbeitet schon heute mit einem großen Angebot an Arbeitszeitmodellen. Zwei Drittel der M+E Unternehmen haben flexible Tages- und Wochenarbeitszeiten, in sieben von zehn Betrieben lässt sich eine individuelle Arbeitszeit vereinbaren und fast vier Fünftel der Firmen bieten ihren Mitarbeitern Teilzeit an.

Einfache Arbeitsplätze werden zunehmend teurer

Einfache Arbeitsplätze werden zunehmend teurer

In der Produktion – gerade bei einfacheren Tätigkeiten – findet ein Personalabbau statt. Es kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein, die Kosten für an- und ungelernte Arbeit weiter nach oben zu treiben und diese Arbeitsplätze bewusst aufs Spiel zu setzen.

Die M+E-Industrie hat sich in den vergangenen 25 Jahren verstärkt global aufgestellt. Die Zahl der Arbeitsplätze für Geringqualifizierte in der M+E-Industrie ist in den letzten Jahren gesunken: 2007 lag der Anteil dieser Beschäftigtengruppe noch bei 25 Prozent, 2015 waren es nur noch 22 Prozent. Personalintensive, einfache Produktionstätigkeiten sind vielfach an kostengünstigere Standorte verlagert worden. Dafür stieg vor allem die Zahl der akademisch ausgebildeten Fachkräfte.

Auch die Gesamtzahl der Beschäftigten entwickelte sich in den letzten Jahren leicht positiv, weil in den indirekten Bereichen Jobs aufgebaut wurden (vor allem Forschung und Entwicklung, Marketing oder Design) – auch, um das wachsende Auslandsgeschäft zu steuern. Zuletzt betrug sie 3,835 Mio.



Im Zuge der Digitalisierung und Vernetzung der Produktionsprozesse („Industrie 4.0“) erwarten Experten, dass einfache Tätigkeiten teilweise stärker von Maschinen übernommen werden können. Kräftige Entgeltsteigerungen erhöhen den Druck auf die Unternehmen, die Rationalisierungspotenziale auch zu nutzen.

An- und Ungelernte, die so unnötigerweise aus der Beschäftigung in der M+E-Industrie gedrängt werden, haben kaum eine realistische Chance, woanders einen gleichwertigen Arbeitsplatz zu finden.