HESSENFORUM 2017 – Schlüsselmarkt „Künstliche Intelligenz“

Mang: „Nur wenn wir die gesamte Wertschöpfungskette steuern, werden wir uns gegen die Internetkonzerne behaupten.“

Frankfurt am Main/Offenbach. „Künstliche Intelligenz (KI)“ und die Wettbewerbsfähigkeit der Metall- und Elektro-Industrie bei der digitalen Transformation war der Dreh- und Angelpunkt des diesjährigen Hessenforums, der Großveranstaltung des Arbeitgeberverbands HESSENMETALL. Über 200 hochrangige Gäste aus Hessens größter Industrie kamen zum Erfahrungsaustausch in die Alten Schlosserei nach Offenbach.

„Die M+E-Industrie ist der größte Nutzer und Treiber der digitalen Transformation“, so der HESSENMETALL-Vorstandsvorsitzende Wolf Matthias Mang. „Künstliche Intelligenz ist nach unserem Verständnis Schlüsseltechnologie der digitalen Transformation, Grundlage für viele neue Geschäftsmodelle und der Schlüsselmarkt für die Marktführerschaft: Hier geht es um Sein oder Nichtsein, digital gesprochen um Integrieren-können oder Integriert-werden.

Wir müssen die Nase vorne haben bei der Künstlichen Intelligenz, wenn wir gegen die Endkunden-Plattformen von Google, Amazon oder Facebook bestehen und nicht von ihnen letztlich integriert werden wollen. Dazu müssen wir die Steuerung unserer Produktion und das Managen unserer Kundenbeziehung in der Hand behalten.

Dazu müssen wir als Business-to-Business-Weltmeister in Zeiten der virtuellen Verdoppelung der Welt ebenfalls Business-to-Consumer-Dienstleister werden. Wir müssen den Markt größer und vom Endkunden her denken. Für die deutsche und hessische Industrie gilt: Nur wenn wir die gesamte Wertschöpfungskette steuern, werden wir uns gegen die Internetkonzerne aus dem Silicon Valley behaupten und eine führende Industrienation bleiben.

Alle M+E-Unternehmen benötigen eine individuelle Datenstrategie, die Produkte, Prozesse und Arbeitswelt gleichermaßen umfasst. Deswegen arbeiten wir bei HESSENMETALL daran, wie wir IT-Anwender, IT-Anbieter und die zur M+E-Industrie zu zählenden Start-ups in einem mehrwertstiftenden Ökosystem zusammenbringen können.“

„Die Bearbeitung der Hardware ist unsere Kernkompetenz, auch wenn da viel Software drin steckt. Dieses Stück Metall, aus dem die Vakuumpumpe entsteht, ist und bleibt auf absehbare Zeit unser Kerngeschäft. Ohne den Menschen geht bei uns nichts. Der Mensch steht deshalb bei Pfeiffer Vacuum im Mittelpunkt und bekommt viele Freiheiten“, betonte Manfred Bender, Vorstandsvorsitzender der Pfeiffer Vacuum Technology AG.

„Das Management steht komplett hinter dieser Idee. Jung und Alt tauschen sich bei uns aus. Mit geringen Mitteln und der Hilfe einiger Kollegen aus der IT-Abteilung sowie technischer Schulung realisierten einige unserer Dual Studierenden innerhalb von drei Monaten eine, zwar auf die Grundfunktionen beschränkte, aber dennoch sehr hilfreiche Steuerung der Turbopumpe per Smartphone, die bisher nur am Gerät selbst möglich war.“

Auch wenn Vernetzung und Fernwartung wichtige Themen sind, werde der Mensch, gerade bei Intuition und Empathie, der Maschine immer voraus sein. Die soziale Kompetenz sei das Alleinstellungsmerkmal des Menschen, das ihm eine Maschine nie abnehmen könne.

Andreas Evertz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Schenck Process Gruppe, erläuterte den angestoßenen Wandel seines Unternehmens: „Schenck Process gleicht einem großer Tanker. Da kann man nicht ständig den Kurs wechseln. Aber ein kleines Schnellboot daneben wäre schon gut für Experimente.

Und so haben wir einen Freiraum für Kreativität in einem Zukunftslabor „future lab“ geschaffen und ein Verhalten entwickelt, das wir „easynizing“ nennen. Damit wollen wir die berühmten alten Zöpfe abschneiden und neue Wege gehen. Im future lab geht es darum, Kompetenzen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenzuführen, kreative Ideen zu entwickeln, konsequent weiterzudenken und die Ideen zügig in die Tat umzusetzen.

Das future lab ist aber noch mehr: Es ist eine Bewegung und der Beginn einer neuen zukunftsweisenden und modernen Kultur bei Schenck Process, die den erweiterten Nutzen der Vernetzung für den Kunden in den Vordergrund stellt. Wir haben auf diesem Weg be¬reits als erstes Produkt in nur drei Monaten eine App entwickelt, die auf simple Weise die Überwachung einer Siebmaschine beim Kunden erlaubt.“

Von rasanten Veränderungen in der Automobilbranche sprach auch Dr. Burkhard Milke, Direktor Elektrische Systeme und Infotainment der Adam Opel GmbH in Rüsselsheim. „Vier große Zukunftstrends prägen den schnellen Wandel in der Automobilindustrie: die Elektrifizierung des Antriebsstrangs, die Vernetzung aller Fahrzeuge, die Sharing Economy, in der individuelle Mobilität kein eigenes Auto erfordert, und autonome Fahrzeuge, die das Straßenbild prägen werden.

Es gilt, diesen Wandel aktiv zu gestalten und die Chancen zu nutzen, die sich daraus ergeben.“ Des Weiteren wolle der Mensch sein „digitales Leben“ auch im Auto fortsetzen, erreichbar sein und jederzeit auf seine Daten zugreifen können. Daher sei Kompatibilität mit dem Internet der Dinge der Schlüssel zum Erfolg. Schon jetzt hätten beispielsweise alle OPEL-Pkw die OnStar-Technik, das Rundum-Sorglos-System aus vernetzter Sicherheit, hochwertigen Mobilitätsdiensten und fortschrittlicher Informationstechnologie.

„Der Nukleus der digitalen Transformation bei KAMAX ist der Werkzeugbau 4.0 und zwar über alle Prozessschritte hinweg – von der Anfrage bis hin zur Lieferung einer ersten Vorserie“, berichtete Dr. Rolf Hengstenberg, Vorsitzender der Geschäftsführung der KAMAX-Gruppe mit Sitz in Homberg/Ohm. „Deswegen werden sich die Anforderungen an die Facharbeiter gerade im Bereich des Werkzeugbaus massiv wandeln.

Wir werden mehr Leute brauchen, die Roboter und Werkzeugmaschinen programmieren können und weniger, die beim Feinschliff eines Werkzeugs selbst noch Hand anlegen.“ Weil der Standort nicht im Zentrum von Metropolen liege, setze KAMAX nicht nur auf Rekrutierung, sondern umso mehr auf Aus- und Weiterbildung, damit ihre Mitarbeiter für die Verände-rungen der Zukunft ausgestattet sind.

„Smart Home bedeutet bei uns smart farming, eine Plattform, die all das zusammenführt, was auf einem Bauernhof so passiert“, erklärte Steffen Müller, Geschäftsführender Gesellschafter der horizont group in Korbach. „Mit Sensoren kann man beinahe alles erfassen: Das Wetter, die Ammoniakbelastung im Stall, der Füllstand im Dieseltank oder in einem Futtermittelsilo, die Wasserqualität, die abgegebene Milchmenge der Kuh und vieles mehr.

Wir haben z.B. einen Abkalbemelder im Programm, der am Schweif einer trächtigen Kuh befestigt wird und rechtzeitig vor dem Kalben darüber informiert, wann es in etwa losgeht und sogar ob mit Komplikationen zu rechnen ist und deshalb ein Tierarzt gerufen werden sollte.“ Im zweiten Standbein, dem Bereich Traffic Safety, zählt horizont zu den führenden Herstellern für Sicherheit im Straßenverkehr und ist ein Spezialist für Industrie, Handel, Behörden, Absicherungsfirmen, Feuerwehr und Polizei.

Dieser Bereich werde gerade um Digital Signage erweitert, also digitale Beschilderung oder digitale Werbe- und Informationssysteme. Das sind zum Beispiel elektronische Plakate, elektronische Verkehrsschilder, Werbung in Geschäften oder Großbildprojektionen im Innen- sowie Außenbereich wie beim Public Viewing.

Mit Blick auf die zukünftige Organisationsentwicklung in der Wirtschaft, sprach Dr. Uwe Schirmer, Leiter Zentralabteilung Personalgrundsatzfragen, Robert Bosch GmbH vom Leben in drei Welten: der reinen Start-up-Welt, der reinen Fertigungswelt und einer Zwischenwelt der Mischformen. Die Start-up-Welt ver-sammelt in der Regel internetbasierte, stark vernetzte Organisationen wie z.B. Google oder Amazon, die als Start-up gegründet wurden und sich diese Kultur auch erhalten haben, nachdem sie stark gewachsen sind.

Hier lösen sich die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit auf und Führungsstrukturen werden weitgehend abgeschafft und Motivation der Mitarbeiter wird über Sinnstiftung und weite Handlungsspielräume erzeugt. Die Fertigungswelt mit ihren klaren Entscheidungs-Hierarchien, gemessenen Outputs und maximaler Produktivität ist die gegenwärtige, bisher sehr erfolgreiche Welt unserer Industrie.

Im Bereich der Produktion wird sie dies auch für längere Zeit bleiben. Dennoch werden wir auch in der Metall- und Elektro-Industrie mehr Elemente größerer Selbstbestimmung erhalten. Die Zwischenwelt wird es dort geben, wo mobiles Arbeiten, mehr zeit-liche Selbstbestimmung und anderes möglich ist. Hier entscheidet noch die klas-sische Führungskraft, aber die Mitarbeiter werden viel mehr eingebunden und auch über Abteilungsgrenzen hinweg für ausgeschriebene Unternehmensprojekte eingesetzt.“

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Ansprechpartner
Ulrich Kirsch

Dr. Ulrich Kirsch
Geschäftsführer Kommunikation und Presse