Logik und Linien der Tarifpolitik –
60 Jahre Tarifpolitik HESSENMETALL
Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer
Auszüge aus dem Vortrag zur 60-Jahr-Feier am 29. November 2007
Die Regelung von Beschäftigungsbedingungen durch Tarifverträge mit Gewerkschaften,
das war und ist erster Daseinszweck von Arbeitgeberverbänden.

Das
war auch der Ausgangspunkt, als am 29. Oktober 1947 in der Börse
Frankfurt der Arbeitgeberverband der hessischen Metallindustrie e.V.
gegründet wurde. In der Sprache der Satzung war es das Ziel, die
sozialrechtlichen und sozialpolitischen Interessen der Mitglieder zu
vertreten und zu fördern. Der Verband sollte aktiv an der Erhaltung des
Arbeitsfriedens mitwirken und den solidarischen Zusammenhalt der
Mitglieder bei der Abwehr von Streiks gewährleisten.
Dazu
bestand auch aller Anlass. Der erste größere Streik der Metall- und
Elektroindustrie nach dem Krieg fand nämlich in Hessen statt. 1951
wurde dort vier Wochen lang gestreikt. Die Liste der größeren
Arbeitskämpfe ist im Vergleich mit anderen Ländern nicht lang, aber
eindrucksvoll genug. Sie belegt: Arbeitskämpfe waren bei der
Tarifpolitik immer mit zu bedenken. Deshalb war die Schaffung eines
Solidarfonds zunächst für das Tarifgebiet, dann zum Ausgleich über die
Tarifgebiete und schließlich auch noch zum bundesweiten Ausgleich über
Branchen hinweg eine logische Konsequenz.
- Tarifpolitik ist
ein Spiegelbild wirtschaftlich-gesellschaftlicher Entwicklung und ist
abhängig vom allgemeinen Bewusstseinsstand.
- Tarifergebnisse können nur innerhalb des Erwartungskorridors der beteiligten Mitglieder erzielt werden.
- Boomzeiten
stärken die Position der Gewerkschaften, Rezessionen die Position der
Arbeitgeber, weil sich die Erwartungshaltungen ändern.
- Zur ultima ratio muss es nicht kommen. Sie muss nur vorstellbar sein, dann wirkt sie sich bereits auf das Verhalten aus.
- Die
materielle Ausstattung von Tarifverträgen vollzieht Entwicklungen in
den Firmen nach. Dies hat im Aufschwung zu einem Prozess der
Tarifierung des Effektivniveu aus und mancher betrieblichen
Besitzstände geführt.
- Lediglich bei innovativen Themen, wie
seit Anfang der 80er Jahre der flexiblen Arbeitszeitgestaltung oder bei
der Altersteilzeit und der Altervorsorge („Metall-Rente“), ist die
Tarifpolitik der Trendsetter.
- Wie im Aufschwung nach oben, so geht auch die Anpassung nach unten unter dem Druck der Globalisierung von den Firmen aus.
- Die Gestaltungsformen für diese Anpassung sind vielfältig, sowohl in den Firmen als auch im Tarifvertrag.
- Der
Drang zu mehr Beweglichkeit und betriebsnahe Gestaltung belegt
gleichzeitig zwei unterschiedliche Tendenzen: Individualisierung und
Anpassungsdruck.
- Tarifparteien (und ihre Mitglieder) reagieren
auf objektive Daten wie Inflation, Wachstum und Produktivität. Aber:
Der Eindruck dieser Daten kann durch Sondereinflüsse verfälscht sein.
- Die
Ordnungsfunktion der Tarifparteien ist nicht mehr zu gewährleisten,
wenn der Erwartungskorridor der Mitglieder deutlich verfehlt wird. Dann
kann es z. B. zu wilden Streiks kommen, wie um 1970 mehrfach geschehen.
- Sie
ist auch nicht mehr zu sichern, wenn immer mehr Arbeitgeber tariflos
Bleiben wollen. Dann wird der Staat immer stärker diese Lücke
ausfüllen. Wir erleben derzeit in der Mindestlohn-Debatte nur den
Anfang.

Unter dem Blickwinkel dieser Rationalität ein kurzer Blick auf 60 Jahre Tarifgeschehen:
Die
50er Jahre
kennzeichneten Aufbau und Wirtschaftswunder, starke Lohnanhebungen, die
Einkommen folgen der wirtschaftlichen Entwicklung. Es geht nicht nur um
Geld: Von 1956 bis 1967 wird die Wochenarbeitszeit von 48 auf 40
Stunden reduziert und auf fünf Tage verteilt.
In den
60er Jahren
kommen neue Themen hinzu, der Urlaub beginnt zu wachsen, zuerst auf
drei, am Ende auf vier Wochen. Die „Nebenforderungen“ nehmen zu, das
sogenannte „Grünzeug“. Zum ersten Mal gerät der Nachkriegsboom 1967
erheblich ins Stocken. Die konzertierte Aktion führt eine neue
Komponente in die Tarifpolitik ein. Vorübergehend läuft die Maschine
wie geschmiert, bis die wilden Streiks 1969 jäh den Frieden
unterbrechen.
Die wirtschaftliche Boomphase und der politische Wechsel lassen Anfang der
70er Jahreeine
neue Anspruchsmentalität sprießen. Der Wohlstand ist scheinbar
gesichert. Selbst die Ölpreisschocks ändern nichts an den
Grundtendenzen des deutschen Wohlfahrtsstaats.
Eine erneute Arbeitszeitkampagne endet mit einer kräftigen Urlaubssteigerung auf am Ende sechs Wochen für alle.

Die
80er Jahre
beginnen mit Stagnation und steigender Arbeitslosigkeit. Als Rezept
setzt die IG Metall auf Arbeitszeitverkürzung, diesmal nicht zur
Wohlstandsmehrung, sondern zur Beschäftigungsverteilung. Nach zehn
Jahren, 1995, hat sie auf dem Papier das Ziel der 35-Stunden-Woche
erreicht. Anders als früher aber entsteht hierüber kein
gesellschaftlicher Konsens mehr. 1984/85 ist aber auch der Beginn von
Flexibilisierung und Differenzierung im Tarifvertrag.
Die
90er Jahre
beginnen mit dem Nachholbedarf nach den nominal niedrigen Lohnzuwächsen
Ende der 80er und einer deutschen Sonderkonjunktur, die den Blick auf
rezessive Tendenzen in der Welt zunächst verstellt. Umso massiver wird
anschließend Deutschland in die globale Wirklichkeit einbezogen.
Der Versuch der IG Metall, die Belastungen durch die Deutsche Einheit tarifpolitisch für
die Arbeitnehmer wieder auszugleichen, führt zu erheblichen Lohnstückkostensteigerungen.
Deren
Wirkung wird durch gleichzeitige Währungsturbulenzen mit steigenden
D-Mark-Kursen verstärkt. Der Flächentarifvertrag gerät in einen
Erosionsprozess.
Nach dem Schock des Rezessionseinbruchs 92/93 gelingt der M+E-Industrie der moderate
Abschluss
1994. Umgekehrt ein Jahr später: Die durch die Bundestagswahl politisch
verstärke Aufschwungstimmung 1994 weckt „Nachholbedarf“. Der Abschluss
1995 gerät zum Desaster.
Im weiteren Verlauf 1995 und in 1996 schwingt die Stimmung wiederum um. Die
Bündnisdiskussion bestimmt das Feeling. Der moderate Abschluss von Ende 1996 für
1997/98 wird möglich.
Ab
dem gilt: Moderate Tarifentwicklung im Verbund mit radikaler
Kostensenkung durch Personalabbau haben zu erheblichem
Produktivitätsanstieg und damit zur Lohnstück-kostenverminderung
geführt.Die anhaltende Globalisierungsdiskussion und die konkreten Erfahrungen in den Betrieben
zeigen
Wirkungen und beginnen, das Denken und die Erwartungshaltungen der
Arbeitnehmer zu beeinflussen. Die Beispiele für strukturelle
Verbesserungen auch in Tarifverträgen – über die Branchen hinweg –
häufen sich. Die Gewerkschaften sind in der Defensive, aber nicht
geschlagen. Umsichtiges Verhalten der Arbeitgeberseite bringt Erfolge.
Das
erste Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts macht deutlich, dass wir auf dem
Ende der 90er Jahre begonnenen Weg vorangekommen sind: Löhne und
Gehälter sind in Deutschland deutlich moderater gestiegen als in den
vergleichbaren Industrieländern. Die Tarifpolitik hat im
internationalen Vergleich für eine deutliche Verbesserung der
Wettbewerbsfähigkeit gesorgt.
M+E-Lohnkosten und Produktivität:

In
den letzten 10 Jahren sind die Arbeitskosten je Stunde in
Westdeutschland nur um etwa 25 Prozent gestiegen, in allen anderen
Ländern – außer Japan und der Schweiz – stärker, in Großbritannien um
immerhin 90 Prozent. Aber auch in Japan war nicht die Tarifsteigerung
schwächer, sondern der Yen hat deutlich abgewertet.
Über die Zeiten beobachten wir generelle Trends der Tarifpolitik: In Aufschwungzeiten
steigt
die Kurve der realen Tarifentwicklung an. Die betrieblichen Leistungen
steigen aber noch stärker, man spricht von positiver Lohndrift. Die
Gewerkschaften versuchen dann, diese höheren betrieblichen Leistungen
in den Tarif „einzufangen“. In Abschwung- oder Stagnationsphasen
verläuft der Trend umgekehrt, die Betriebe bauen stärker Leistungen ab,
als es der Veränderung tariflicher Raten entspricht, man spricht von
negativer Lohndrift. Dann versuchen die Arbeitgeber, die
Tarifentwicklung diesen betrieblichen Geschehen anzupassen.
In
den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik eilten die Arbeitgeber mit
der Erfindung neuer Leistungen für die knappen Arbeitnehmer dem Tarif
weit voraus. Die Tarifierung folgte mit weitem Abstand. Spätestens in
den 80er Jahren kippte dieser Trend und seit den 90er Jahren arbeiten
Betriebe und Verbände an der Umkehrung. Auch hier vollzieht sich die
Anpassung zunächst in den Betrieben.Unter dem Eindruck der
Globalisierung gibt es also Anpassungsdruck sowohl nach unten in der
materiellen Ausstattung als auch im Regelungsgehalt zu Gunsten der
Arbeitgeber.
Damit wird der Trend zu mehr betrieblichen Gestaltungsmöglichkeiten in den Tarifverträgen
nur verstärkt. Begonnen hat dies spätestens 1984.
Sie sehen, auf dem Weg zu mehr Betriebsnähe und betrieblicher Gestaltungsmöglichkeit
sind wir schon sehr weit gekommen. Es existieren viel mehr Möglichkeiten als im
einzelnen Betrieb genutzt werden.
Wir müssen und werden diesen Weg weitergehen.