Heinrich A. Fischer in AKTIV
Für die M+E-Industrie in Hessen geht eine Ära zu Ende: Heinrich A. Fischer, der 17 Jahre lang auf Arbeitgeberseite die Entgelte und Arbeitsbedingungen ausgehandelt hat, geht nach 41 Jahren ehrenamtlicher Verbandstätigkeit von Bord.
Engagiert: Der langjährige Arbeitsdirektor
Mannesmann VDO und Verhandlungsführer
von Hessenmetall und M+E Mitte
Ein Verhandlungsführer mit Leib und Seele

Keine Personalie wie jede andere: Heinrich A. Fischer wird offiziell aus der Tarifpolitik verabschiedet
Frankfurt. Jäger oder Förster wollte er werden. Das war sein Berufswunsch Anfang der 50er-Jahre. Dass daraus nichts wurde, erwies sich für die Beschäftigten des Auto-Zulieferers VDO Adolf Schindling als Glücksfall. Und für den Arbeitgeberverband Hessenmetall: 41 Jahre lang war er dort ehrenamtlich tätig, die letzten 17 Jahre als stellvertretender Vorsitzender und Verhandlungsführer.

Von 1997 bis 2009 verhandelte er auch überregional für den Tarifverbund M+E Mitte. Die Jagd verlegte er in die Freizeit. 1955 begann der Frankfurter mit 19 Jahren eine Lehre zum Industriekaufmann bei den "VDO Tachometerwerken Adolf Schindling" in Schwalbach.
Im Zentrum des Geschehens: Heinrich A. Fischer bei der harten Tarifarbeit hinter den Kulissen.Vom Frankfurter Bub zum ArbeitsdirektorUnd damit startete eine bemerkenswerte Karriere. "Sie ist schon für die damalige Zeit erstaunlich und heute fast kaum mehr denkbar", so Professor Dieter Weidemann, der Vorstandsvorsitzende von Hessenmetall, anlässlich Fischers Verabschiedung. In 25 Jahren arbeitet sich Fischer hoch vom Lehrling zum Vorstandsmitglied und Arbeitsdirektor. Als VDO im Mannesmann-Konzern aufgeht, wird er Mitglied der Konzernleitung der Mannesmann VDO AG, wird verantwortlich für 16 000 Leute. Der begeisterte Handballer versteht es, die Menschen einzubinden, die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern kooperativ zu regeln.

Er weiß: "Akzeptierte kollektive Regelungen machen aus einem Kollektiv ein erfolgreiches Team". Lange bevor es Standard urde, regelt er bei VDO die Arbeitszeitgestaltung flexibel über ein Arbeitszeitkonto zum Ansammeln von Zeitguthaben. Von negativen Konten hält er prinzipiell nichts. Und als VDO in schwieriger Zeit Kurzarbeit verordnen muss, besteht er darauf, dass die leitenden Angestellten solidarisch die Entgeltkürzungen mitmachen, um der Vorbildfunktion gerecht zu werden.
Wolfgang Huberti, Geschäftsführer GKN Driveline Deutschland und neuer Verhandlungsführer "Ein Mensch, der mit Leidenschaft und Beharrlichkeit für seine Überzeugung streitet"
Menschen im Mittelpunkt"Er ist frei von jeder Art Dünkel, zieht Menschen an und weiß, sie festzuhalten", sagt Michael Hann, einst Mitarbeiter von ihm und heute Vorsitzender des Bildungswerks der Hessischen Wirtschaft und Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft "HessenAgentur".

Für Hessenmetall wurde Fischer durch seine betrieblichen Erfahrungen zur "Idealbesetzung des Verhandlungsführers", sagt Weidemann. "Für solche Regelungen muss man hart streiten können. Aber wenn das Ergebnis ist, dass man als Arbeitsdirektor in seinem ganzen Leben keine einzige betriebsbedingte Kündigung aussprechen muss, kann man darauf zu Recht stolz sein." MAJA BECKER-MOHR
Petra Hülshorst, Vorsitzende der Bezirksgruppe Nordhessen von
Hessenmetall: "Er fordert viel, gibt aber noch mehr zurück. Auf sein Wort ist wirklich Verlass"Tarif-Geschichte
Was Heinrich A. Fischer seit 1993 mitgestaltet hat
1993 Bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten können dank der
Härtefall-Klausel Ost die tariflichen Mindestnormen für einzelne Betriebe durch die Tarifparteien herabgesetzt werden.
1994 Mehr Flexibilität durch die
Verbesserung der 40er Regelung. Bis zu 13 Prozent der Tarifarbeitnehmer können 40 Stunden arbeiten, andererseits ist eine kollektive Absenkung der Arbeitszeit mit oder ohne Teillohnausgleich möglich.
1996/97 Die IG Metall akzeptiert, dass eine diesmal ausgehandelte
Sonderzahlung betriebsindividuell geregelt wird, je nach Fehlzeiten. Zudem bekennt sich die Gewerkschaft zu betrieblichen Sonderregelungen bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
1997 Der
Altersteilzeit-Tarifvertrag basiert auf Freiwilligkeit der Betriebe und lässt weitgehende Abweichungen zu.
2001 Der
Tarifvertrag Entgeltumwandlung legt die Basis für das Versorgungswerk "MetallRente".
2004 Der
Pforzheimer Abschluss ermöglicht Betrieben, zur Zukunftssicherung vom Tarifvertrag abzuweichen, wenn der Betriebsrat mitzieht. Im gleichen Jahr beendet das
Entgeltrahmenabkommen (ERA) die unterschiedliche Behandlung von Arbeitern und Angestellten und bietet neue Möglichkeiten leistungsorientierter Entlohnung.
2006 Die
Lohnrunde bringt erstmals eine variable Einmalzahlung. Zudem lenkt der
Tarifvertrag Altersvorsorgewirksame Leistungen die alten "vermögenswirksamen
Leistungen" in die betriebliche Altersvorsorge und bringt neue Differenzierungsmöglichkeiten bei der Entgelterhöhung.
2007 Es gibt einen
Konjunkturbonus von 0,7 Prozent und die
Verschiebbarkeit der zweiten Lohnerhöhungsstufe – beides nach Lage des Betriebs.
2010 Der
Tarifvertrag Zukunft in Arbeit senkt die Kosten der Kurzarbeit und ermöglicht ein freiwilliges betriebliches Kurzarbeit-Modell. MBM