Veranstaltung von HESSENMETALL und IW Köln "Engpass Fachkräfte"
Weidemann: "Alle vorhandenen Ressourcen besser nutzen!" // Hüther:
"Jahr für Jahr geht Arbeitsmarkt eine Stadt von 400.000 Einwohnern
verloren!"
12.05.2011
Frankfurt
am Main. "Die demografische Entwicklung führt dazu, dass menschliche
Arbeitskraft knapp wird. Weniger Menschen heißt tendenziell weniger
Kompetenz, weniger Know-how, weniger Produktivität, weniger Innovation.
Deshalb gibt es für uns nur eine mögliche Strategie: Wir müssen alle
vorhandenen Ressourcen besser nutzen", analysierte
Prof. Dieter Weidemann,
Vorstandsvorsitzender des Arbeitgeberverbandes HESSENMETALL auf einem
gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW)
veranstalteten Kongress den drohenden "Engpass an Fachkräften".
Die Wirtschaft könne durchaus noch mehr tun für die Entwicklung
bestehender Ressourcen sowie für eine bessere Balance von Familie und
Beruf. Bei der schulischen Grundqualifikation an hessischen Schulen
fehle in der fünften und sechsten Klasse jeder naturwissenschaftliche
Unterricht. Ausgerechnet in dem Alter, in dem Kinder besonders neugierig
auf naturwissenschaftliche Phänomene seien, böten hessische Schulen nur
den Einstieg in abstrakte Mathematik. In anderen Bundesländern habe man
dies längst korrigiert, das hessische Kultusministerium sollte dies
auch schleunigst tun. Die Wirtschaft biete hier an, ihre bereits
vielfältige Unterstützung weiter auszubauen. Beim Übergang von der
Schule in den Beruf "gehen wir von einem ungenutzten Potenzial von bis
zu 4.000 Ausbildungsstellen" aus. Gleichzeitig befänden sich über 5.000
Jugendliche in einer vollschulischen Berufsausbildung an beruflichen
Schulen. Zusätzlich seien im letzten Jahr 21.500 Jugendliche in das
Übergangssystem statt direkt in Ausbildung gegangen. Das Land Hessen
gebe pro Jahr 140 Millionen € allein für vollschulische Berufsausbildung
aus. Ein großer Teil dieses Geldes könnte ohne die geringsten Abstriche
an der Qualität der Ausbildung eingespart werden, wenn diese
Jugendlichen direkt in eine betriebliche Ausbildung vermittelt würden.
Prof. Dr. Michael Hüther,
Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, führte aus:
"Deutschland altert und schrumpft. Gegenwärtig leben hier etwa 82
Millionen Menschen, in fünfzig Jahren werden es nur noch zwischen 65 und
70 Millionen Personen sein. Schon bis zum Jahr 2025 wird sich das
Arbeitskräftepotenzial um etwa 6,5 Millionen verringern. Jahr für Jahr
geht damit eine Stadt mit mehr als 400.000 Einwohnern für das
Arbeitsangebot verloren. Dem exportorientierten industriebasierten
‚Geschäftsmodell Deutschland’ drohen die Fachkräfte auszugehen. Deshalb
braucht Deutschland dringend eine nationale Demografie- und
Fachkräftesicherungspolitik, die alle föderalen Ebenen und die
Sozialpartner einbezieht. Sie muss systematisch darauf abzielen, die
Zahl der im Land lebenden Erwerbspersonen und die Beschäftigungsquoten
zu erhöhen, die Arbeitszeiten zu verlängern und die Produktivität des
Arbeitseinsatzes durch Bildung, Forschung und Innovation zu verbessern."
Dr. Alexander Spermann, Director Talentmanagement
Flexworker & Public Affairs bei Randstad Deutschland, erläuterte:
"Der Fachkräftemangel ist nach unserer Einschätzung eine durchaus
lösbare Herausforderung. Wir bei Randstad beobachten, dass Unternehmen
häufig nicht die Idealkandidaten finden, die sie suchen. Durch
Qualifizierung von Bewerbern und Mitarbeitern können
Personaldienstleister wie Randstad in Zusammenarbeit mit Unternehmen,
Bildungsträgern und der Bundesagentur für Arbeit wesentlich zur
Verminderung des Fachkräftemangels beitragen."
Holger Kimmes,
Mitglied des Vorstandes und Arbeitsdirektor der Adam Opel AG,
kommentierte: "Die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft und
ihre Auswirkungen ist für Opel ein wichtiges Thema. Den Mangel an
qualifizierten Ingenieuren spüren wir schon seit einiger Zeit, aber
mittlerweile ist der Fachkräftemangel auch auf anderen Ebenen des
Unternehmens zu merken. Das ist natürlich eine Herausforderung für die
Bildungspolitik. Aber auch die Unternehmen müssen sich stärker
engagieren. Es gilt, insgesamt - in vielen gesellschaftlichen Bereichen -
attraktive Bedingungen zu schaffen, damit Potentiale besser genutzt
werden können. Ein Beispiel: Bei Opel arbeiten wir, gemeinsam mit
Politik und Verbänden, an der Gestaltung von neuen Berufsbildern mit
hohem Zukunftspotential unter anderem in der Vorbereitung auf das
bevorstehende Zeitalter der Elektromobilität."
Dr. Frank Martin,
Chef der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit,
analysierte: "Es ist bereits zu spät, um einen Fachkräftemangel
vollständig zu verhindern, jedoch können wir ihn noch deutlich
reduzieren – wenn wir schnell und abgestimmt handeln. Ansonsten werden
Arbeitgeber ganzen Regionen den Rücken zuwenden müssen."


Die zahlreichen Pressevertreter nutzen die Veranstaltung auch zu persönlichen Interviews.

Einigkeit zwischen Prof. Weidemann und Prof. Hüther: eine gelungene Veranstaltung
8 Fallbeispiele, was hessische Metall- und Elektro-Unternehmen gegen den Fachkräftemangel tun
8 Fallbeispiele, was hessische Metall- und
Elektro-Unternehmen gegen den Fachkräftemangel tun // Fasbender: „Nicht
nur Großunternehmen, auch schon klassische Mittelständler gut
aufgestellt!“Frankfurt am Main. Immer mehr
Unternehmen der hessischen M+E-Industrie setzen einen immer größeren
Maßnahmen-Mix zur Bewältigung des Fachkräftemangels ein, bilanzierte
Volker Fasbender,
Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands HESSENMETALL: „Natürlich
schöpft ein Unternehmen nicht das gesamte Spektrum aus, aber die Palette
ist bei vielen schon beachtlich. Nicht nur Großunternehmen, sondern
immer mehr traditionell mittelständische Firmen sind ebenfalls gut
unterwegs. Das zeigt aber auch umgekehrt, wo noch Potenzial zu heben
ist.“ Bei der Podiumsdiskussion zur gemeinsamen Veranstaltung mit dem
Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zum Thema „Engpass
Fachkräfte – Potenziale und Chancen für Deutschland“ wurde das breite
Spektrum der Maßnahmen deutlich. Es reicht von der Ausbildung auch
schwierigerer Zielgruppen, Nachwuchsmarketing an Schulen und
Hochschulen, über berufsbegleitende Aufstiegsqualifizierung,
Qualifizierungsangebote für An- und Ungelernte, Quer- und
Wiedereinsteiger, Duales Studium, Praktika und Betreuung von
Examensarbeiten bis hin zur Bindung von Mitarbeitern durch persönliche
Entwicklungskonzepte, familienfreundliche Arbeitsbedingungen und
flexible Arbeitszeitmodelle, Qualifizierung von älteren Belegschaften,
altersgerechte Arbeitsplätze und Gesundheitsmanagement.
ABB PPHV
in Hanau-Grossauheim ist eine der größten Hersteller von
Transformatoren weltweit und präsentiert sich auf Berufsmessen, beim
Girl’s Day, bietet Einstiegsqualifizierungen in Zusammenarbeit mit der
Arbeitsagentur an, bildet Techniker weiter zu Meistern, fördert
Masterstudiengänge für Bachelor, und kooperiert mit der „Dualen
Hochschule Mannheim“: Gegenwärtig befinden sich fünf Mitarbeiter im
Studium, 2011 werden noch einmal vier Personen ihr Studium für
Hochspannungstechnik aufnehmen.
Der Markenartikler
Braun GmbH
aus Kronberg stellt mit über 1.300 Mitarbeitern vor allem Rasierer,
Barttrimmer, Epilierer und Lady Shaver her. Braun sorgt auch für seine
Arbeitgebermarke: betreibt Nachwuchsmarketing an Hochschulen, nutzt
duale Studiengänge, vergibt Praktika und betreut Examensarbeiten für
akademischen Nachwuchs.
Carl Cloos Schweißtechnik in
Haiger, mit 500 Mitarbeitern auf die Herstellung von Schweißrobotern
fokussiert, hat ein Projekt aufgesetzt „Lehre Plus“. Auszubildende
können bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen im Rahmen der Ausbildung
einen Fachoberschulabschluss (Fachabitur) erwerben. Nach der „Lehre
Plus“ kann dann mit „Studium Plus“ auch ein Duales Studium stehen. Zudem
werden die erfolgreichen Absolventen als Botschafter in die heimischen
Schulen geschickt, um das Projekt zu bewerben.
Carl Zeiss Sport Optics
in Wetzlar, mit 450 Mitarbeitern auf die Herstellung von Ferngläsern
und Zielfernrohren sowie Optiken für den industriellen Bereich
spezialisiert, bietet seinen Mitarbeitern ein eigenes
Qualifizierungsprogramm mit einem breiten Seminarangebot entlang der
unterschiedlichen Kompetenzfelder. Ständige Weiterqualifizierung ist ein
Muss, wird durch Mitarbeitergespräche gesteuert und mündet in
systematische Förderung.
EnviroChemie ist ein führendes
Unternehmen der industriellen Wasser- und Abwassertechnik mit Sitz in
Roßdorf bei Darmstadt. Gut 310 Techniker und Ingenieure entwickeln,
planen, bauen und betreiben Anlagen, die Prozesswasser recyceln,
Abwasser reinigen sowie Energie aus Abwasser gewinnen. Dem schon heute
spürbaren Engpass bei Fachkräften begegnet EnviroChemie mit
Schülerpraktika, Teilnahme am Girls’ Day und
Ausbildungsinformationstagen, eigener Ausbildung, einem
Schüler-Wirtschaftsprojekt „Zukunft Abwasser“, Angeboten für
Studentenpraktika und Diplomanden, attraktiven Weiterbildungsangeboten
bis hin zur Möglichkeit projektbezogener Teamarbeit auch über das 65.
Lebensjahr hinaus.
Adam Opel AG, Rüsselsheim setzt immer
stärker auf das Web 2.0, um mit künftigen Bewerbern Kontakt aufzunehmen.
60.000 Zugriffe auf den Facebook-Auftritt belegen die hohe Akzeptanz.
Duale Studiengänge im kaufmännischen und technischen Bereich sind das
„hauseigene Instrument“ um dem Ingenieurmangel entgegenzuwirken. Durch
die gezielte Ausbildung von Ingenieuren können Abteilungen und
Fachbereiche sich mit Spezialisten versorgen, die sie auch benötigen.
Die frühe Bindung verkürzt auch die Anlernphase. Die Übernahme aller
Absolventen spricht für sich. Auch mit Einstiegsqualifizierungsmaßnahmen
(EQ) begegnet Opel dem Fachkräftebedarf. Seit Einführung 2009 übernahm
Opel durchschnittlich zwischen 70 und 90 Prozent gehandicapte
Praktikanten in Ausbildung, die zuvor keinen Ausbildungsplatz gefunden
hatten.
Das Familienunternehmen
Peiker acustic GmbH & Co. KG
in Friedrichsdorf im Taunus konzentriert sich mit rd. 600 Mitarbeitern
weltweit auf automobile Kommunikation: von Freisprechanlagen bis iPod-
und MP3-Player-Integration, Multimedia und Navigation. Und es fokussiert
sich auf familienfreundliche Lösungen: Das beginnt bei Gleitzeit,
Home-Office, Rückkehr in Teilzeit und endet noch lange nicht bei der
Organisation von Kita-Plätzen in Firmennähe. Neben jungen Familien
kümmert man sich dort auch um Ältere: der richtige Mix aus erfahrenem
Überblick und jugendlicher Dynamik wird in den Teams angestrebt, deshalb
sind auch über 55-Jährige als Bewerber willkommen.
Schenck Process GmbH
mit Sitz in Darmstadt entwickelt als einer der Weltmarktführer
innovative Lösungen für Wägen, Dosieren, Sieben und Automatisieren. Von
den weltweit 2.600 Mitarbeitern sind über 1.000 Ingenieure. Die Zeichen
stehen weiter auf Wachstum. Ob Ausbildung und Duales Studium für Schüler
oder Praktika, Abschlussarbeiten und Traineeprogramme für
Hochschulabsolventen: Schenck Process bietet das ideale
Karrieresprungbrett. Es öffnet z. B. zur Nacht der Ausbildung seine
Türen für rund 550 Schüler. Um angehenden Ingenieuren die Aufgaben bspw.
eines/er Vertriebsingenieur/in oder Entwicklungsingenieur/in in einem
mittelständischen Unternehmen nahezubringen, lädt Schenck Process zu
Veranstaltungen ein.