Hessenforum 2010 Referenteninterviews
„Siemens sind die, die Antworten geben“
Sie gilt als der Inbegriff der klassischen deutschen Industrie – die Siemens AG.
Und heute ist sie eines der größten Green Tech-Unternehmen der Welt.Ein Gespräch mit Dr. Michael Kassner, Geschäftsleiter Region Rhein Main der Siemens AG in Frankfurt

Siemens hat deutsche Industriegeschichte geschrieben. Und weil das so ist, hat Siemens auch immer als Symbol für Veränderung herhalten müssen und war für einen schnellen Spruch gut. Von Siemens als Bank mit angeschlossener Elektroabteilung in einer Phase, als die deutsche Industrie sich immer stärker auch in Richtung Dienstleistung entwickelte, bis zum "Wenn Siemens wüsste, was Siemens alles weiß" als das Wissensmanagement in der deutschen Industrie entdeckt wurde, gab Siemens den Hauptdarsteller in den öffentlichen Diskursen zum wirtschaftlichen Geschehen in Deutschland – eine Rolle, die ansonsten nur noch der Deutschen Bank zukommt. In den letzten Jahren hat sich Siemens wieder fundamental gewandelt. Nur diesmal hat die breite Öffentlichkeit es bisher kaum bemerkt. Der Kosmos Siemens hat sich geöffnet und quasi neu erfunden. Eine stark marktgeleitete Dynamik wurde entfacht und eine Strategie entwickelt, die auf Pioniertum, integrierte Lösungen aus einer Hand und Nachhaltigkeit setzt. Damit ist Siemens in den letzten Jahren zu einem der größten Green Tech-Unternehmen weltweit geworden. 23 Milliarden Euro des 76 Milliarden umfassenden Gesamtumsatzes der Siemens AG stammten 2009 bereits aus dem Umweltgeschäft. Dr. Michael Kassner, Leiter der Region Rhein Main der Siemens AG, zu der Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und das Rhein-Neckar-Dreieck gehören, verkörpert diese Strategie. Kassner ist seit 1996 für Siemens tätig. 2005 leitete er von München aus die konzernübergreifende Weiter¬entwicklung des Account Managements im Rahmen der Unternehmensinitiative „Siemens One“. Hinter dieser Initiative steckt auch die divisionsübergreifende Nutzung der umfassenden Industrie- und Branchenkompetenz von Siemens zur Entwicklung innovativer Branchenlösungen –weltweit. Damit ist Kassner für seinen jetzigen Job prädestiniert. Denn in Rhein-Main ist das ganze Portfolio von Siemens vertreten. 10.000 Mitarbeiter kümmern sich darum.
„Wir müssen uns von außen leiten lassen, von den drängendsten Fragen von Markt und Gesellschaft.“ Diesen Satz lässt Kassner als sein Credo durchgehen und verweist dabei auf die Aufstellung des Konzerns. „Wir haben uns in den letzten Jahren auf die Anforderungen einer globalisierten Welt ausgerichtet. Im Rahmen unserer Unternehmensstrategie haben wir vier Bereiche identifiziert, von denen wir sicher sind, dass sie als globale Trends die Zukunft dieser Welt bestimmen werden und für die wir innovative Antworten anbieten wollen. Diese Bereiche sind: Demografischer Wandel und Gesundheit, Urbanisierung und nachhaltige Entwicklung, Klimawandel und Energieversorgung sowie Globalisierung und industrielle Wettbewerbsfähigkeit.“ Von diesen Herausforderungen ist auch das Portfolio Management der Siemens AG bestimmt, was in den letzten Jahren zu einigen Zukäufen aber auch Verkäufen geführt hat. Verkäufe wie VDO oder die Computerhardware-Sparte, die nicht von jedem auf den ersten Blick verstanden wurden. „Auch Siemens kann nicht alles machen“, betont Kassner und erinnert an den früheren Vorwurf des Gemischtwarenladens, den man Siemens machte. „Wir haben uns fokussiert und unser operatives Geschäft in den drei Sektoren Industry, Energy und Healthcare gebündelt. Hier sind wir in der Lage, überdurchschnittliches zu leisten und überdurchschnittlich zu wachsen.“
Wer die vier globalen Trends etwas genauer studiert, merkt schnell, dass der Umweltbereich für Siemens eine herausragende Rolle spielt. So hat man in den Zukauf von Wind- und Solartechnologie investiert oder beteiligt sich an einem der anspruchvollsten Vorhaben der deutschen Industrie – Desertec. Weil ein solches Vorhaben auch Märkte macht und die deutsche Industrie weiter befeuert, wie Kassner unterstreicht. Deutschland hat zwar den Titel Exportweltmeister verloren. Aber mit einem Weltmarktanteil von 16 Prozent ist Deutschland die unangefochtene Nummer 1 beim Export von umweltfreundlichen Produkten. Nicht zuletzt durch Siemens: „Wir hatten in den vergangenen Jahren zweistelliges Wachstum bei den Umweltprodukten. Und unsere Ambitionen gehen weiter in diese Richtung.“ Das gilt natürlich auch für Siemens selbst mit seinen hunderten von Werken und 400.000 Mitarbeitern. „Wir haben uns auch intern ambitionierte Umweltschutzziele gegeben. Die berühmten 20/20-Ziele heißen bei uns 20 Prozent bis 2011 bezogen auf 2006.“
Aber nicht nur der engere Klimabereich ist Treiber für die Suche nach innovativen Lösungen. Städte sind für 80 % des weltweiten CO2 Ausstoßes verantwortlich. Insbesondere das Thema Urbanisierung stellt also Anforderungen, für die nachhaltige Lösungen gebraucht werden. „Städte als Ganzes zu betrachten, heißt nicht nur das Thema Energie auf eine nachhaltige Weise zu bewerkstelligen. Städte heißt auch Verkehr, Gebäude, heißt Lebensqualität, Gesundheit und Sicherheit, heißt Verwaltung und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit oder auch öffentliche Haushalte. Städte sind komplexe Systeme. Deshalb haben wir das Thema als Ganzes aufgesetzt, behandeln es über die Sektoren hinweg und entwickeln neue Lösungen.“
Siemens wäre nicht Siemens, wenn man diese Themen nicht grundsätzlich anginge. Dahinter steht ein ganzes Maßnahmenprogramm, das von internationalen Studien für Megacities, US Städte, für London und weitere 30 europäische Hauptstädte bis zu konkreten Umsetzungskonzepten reicht. Dort werden Antworten geliefert auf Fragen, wie ein Masterplan für eine nachhaltige Infrastruktur, wie etwa ein ganzheitliches Verkehrs- oder Energiekonzept einer Stadt aussehen kann. Kassner hat neben der Leitung der Region auch die Aufgabe, das Städtethema für ganz Deutschland voranzutreiben: „Gerade hier müssen wir natürlich auch die Haushaltslage der Kommunen berücksichtigen und in Zusammenarbeit mit Siemens Financial Services Ansätze entwickeln, – beispielsweise Contracting Modelle, wo sich eingesetzte Gebäudetechnologie vom ersten Tag durch die Einsparungen finanzieren.“ Das Thema Stadt ist auch das zentrale Thema der diesjährigen Weltausstellung in Shanghai, und damit auch für Siemens vor Ort. Dass dies auch geschäftlich hohe Relevanz besitzt, zeigt eine Zahl: Siemens hat eine Milliarde Umsatz im Umfeld der Expo gemacht.
Forschung und Entwicklung als Motor von Innovation spielen neben dem strategischen Zukauf von Unternehmen eine zentrale Rolle für die Siemens AG. Gerade auch in der Wirtschaftskrise hat sich Siemens bewusst entschieden, weiter über fünf Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung und damit in die Zukunft des Unternehmens zu investieren. Ungefähr vier Milliarden Euro gibt Siemens dafür im Jahr aus. „Siemens war und ist halt ein Pionier“, unterstreicht Kassner.
Innovation aus eigener Entwicklung heißt bei Siemens in erster Linie Divisions-bezogene Entwicklungen. „Wenn die hessische Umweltministerin jetzt ein Programm startet zur Erhöhung der Energieeffizienz in der Industrie, dann gibt es dafür bereits eine Vielzahl von wirksamen Hebeln: Antriebe machen beispielsweise etwa zwei Drittel des industriellen Stromverbrauchs aus. Wenn diese konsequent durch Energiesparmotoren ersetzt würden, könnte man bis zu 60 Prozent der Energie einsparen“ weiß Kassner und zieht eine entsprechende Siemensstudie hervor. „Mit solchen Themen beschäftigen wir uns seit langem und sind auch in der Lage, Analysen durchzuführen und die richtigen Produkte zu liefern.“ Diese divisional orientierte Forschung und Entwicklung findet überall dort statt, wo die Divisionen ihre Entwicklungen platzieren – bei Siemens mittlerweile in allen Teilen der Welt. Wie die Produktionsstandorte so konkurrieren auch die Entwicklungsstandorte untereinander, neben den harten spielen dabei auch zunehmend die weichen Standortfaktoren eine Rolle, wie Nachwuchs, Innovationsfreudigkeit und logistische Infrastrukturen.
Mit dabei ist auch die Region Rhein Main. Sie ist quasi ein Spiegelbild der Siemens AG. Von den 10.000 Mitarbeitern, die in dieser Großregion tätig sind, machen ein Viertel Vertrieb, Kundenbetreuung und Service. Dreiviertel dagegen entwickeln, produzieren und sind in der Logistik tätig. „Im Industriepark Höchst haben wir beispielsweise eine CCS-Technik entwickelt – also eine Technologie zur Abscheidung von CO₂ aus Rauchgas. Diese für die Zukunft von Kohlekraftwerken wichtige Technologie wurde hier in Frankfurt entwickelt und wird nun im Kraftwerk Staudinger von E.ON in der Pilotanwendung getestet“ berichtet Kassner. Neben dem Industriepark ist auch Frankfurt-Fechenheim mit Themen der Energietechnik und Marburg im Bereich Medizindiagnostik im Forschungsverbund der einzelnen Siemens-Divisionen.
Zurück zu den globalen Trends. Über der divisionalen Forschung liegt ein Forschungsbereich, genannt Corporate Technology, der über die ganze Welt verteilt ist. Corporate Technology beschäftigt sich innerhalb der Megatrends mit übergreifenden Themen und fragt dort nach den Konsequenzen für die Technologieentwicklung. „Wenn wir uns also ein Thema wie Elektromobilität vornehmen, dann forschen wir zunächst an allen Ecken dieses Themas. Was bedeutet das für den Akku, was bedeutet es für den Antrieb, wie sieht das Design eines neuen Fahrzeugs aus, wie wird es gesteuert, wie ist die Ladeinfrastruktur, wie müssen Parkhäuser, intelligente Netze und Abrechnungssysteme gestaltet sein etc. Entwicklungen wurden angestoßen, die durchaus in unterschiedliche Divisionen hineinlaufen. Welche Divisionen innerhalb Siemens ein solches Thema dann praktisch als Geschäft übernehmen, wird im nächsten Schritt entschieden, parallel zur konkreten Bedarfsentwicklung im Markt.“
Neben der eigenen, stark themen- und technologiegetriebenen Forschung und Entwicklung gibt es eine zweite, nicht minder wichtige Quelle der Innovation für Siemens: den Kunden. „Für diese stark kundengetriebenen Innovationsprozesse nutzen wir auch das Siemens One Konzept. Es wendet sich an unsere großen und vielfach global agierenden Kunden. Die adressieren die Herausforderungen, denen sie in ihren Märkten gegenüberstehen, ja nicht divisionsorientiert an uns. Deshalb haben wir einen zusätzlichen Kundenbezug aufgebaut, der über alle Divisionen und oft auch Länder geht. Wir gelten als Benchmark, was das globale Key-Account Management angeht.“ Anders als sonst meist der Fall ist unser Key-Account Management kein isolierter Vertriebsansatz. Das Konzept umfasst den Aufbau von Competence Centern einerseits und Support Centern andererseits und bündelt tatsächlich in einer Querschnittsfunktion die divisionalen Fähigkeiten des Konzerns. Organisatorisch muss dies intelligent und effizient umgesetzt werden, das ist das Geheimnis, hebt Kassner hervor, der selbst einer der Väter des Siemens One-Konzeptes ist. Denn aus der Sicht der einzelnen Divisionen ist die Mitwirkung natürlich eine gewisse Zusatzinvestition, die sich allerdings auszahlt. Denn auch hier gilt: Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg: „Überall dort, wo Siemens nach dem globalen Siemens One-Ansatz agiert, verzeichnet der Konzern überdurchschnittliches und überdurchschnittlich werthaltiges Wachstum. Das ist ein Argument.“
Siemens führt regelmäßig den Innovationsdialog mit dem Kunden. In diesem Dialog steht nicht das Tagesgeschäft im Vordergrund sondern die Perspektive einer Branche und wie sie sich verändern wird. Dafür gibt es klare Prozesse und Methodiken, wie man bestimmte Entwicklungen antizipieren kann. Geschäft wird aus diesem eher langfristig orientierten Ansatz durch das Herunterbrechen auf der Zeitschiene: „Auch im Sales-Prozess fragen wir nicht nur danach, welches Produkt wir dem Unternehmer denn im Moment gerade verkaufen können, welche Ausschreibung ansteht. Sondern wir fragen ihn, was seine unternehmerischen KPI’s sind. Aus seinen Antworten zusammen mit unserem meist intensiven Branchenwissen erkennen wir, wo wir ihm helfen können, seine Leistungen dauerhaft sicherzustellen oder weiter zu verbessern.“ Umweltgesichtspunkte spielen dabei eine große Rolle. Häufig nicht nur deshalb, weil das Unternehmen eine explizite Klimastrategie fährt, sondern weil es, wie in der Energieversorgung, an einer Verbesserung der Energieeffizienz aus Kostengründen interessiert ist. Manchmal auch, weil es sich auf drohende regulatorische Maßnahmen vorbereiten will.
Siemens kennt die Themen, die seine Kunden bewegen. Und kümmert sich darum. Vor allem aber – und davon ist Kassner überzeugt: „Wir sind die, die Antworten geben.“