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Problemlösungskompetenz anstatt Radaupolitik

Interview mit Martin Kannegiesser, Präsident Arbeitgeberverband Gesamtmetall über Konjunktur, Zeitarbeit, Gewerkschaften

13.09.2011
Weser Kurier:  Die vergangenen Wochen waren geprägt von Turbulenzen auf den Aktienmärkten. Wie sehr beunruhigt Sie diese Entwicklung? 
Kannegiesser:  Entwicklungen auf den Finanzmärkten haben immer wenigstens ein wenig mit der Realwirtschaft zu tun. Aber es gab gerade in den letzten Jahren die ungesunde Entwicklung, dass sich die Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft abgekoppelt und eine eigene virtuelle Welt geschaffen hat. Das war übrigens auch bei den für unsere Branche so wichtigen Rohstoffen deutlich zu beobachten, und das ist zu einem ernsthaften Problem geworden.
Weser Kurier:  Wie wirkt sich das auf die Konjunkturerwartungen aus?
Kannegiesser:  Die Metall- und Elektro-Industrie war die Branche, die in der Krise am schlimmsten getroffen wurde, deshalb holt sie jetzt auch am stärksten auf. Das ist allerdings kein Automatismus.
In der Krise haben die Unternehmen mit Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit und vielen internen Verbesserungsprozessen die Grundlagen für den Aufschwung gelegt. Die Branche hat ihre Hausaufgaben gemacht, sie ist wettbewerbsfähig und gut aufgestellt.  Wir gehen zwar für unsere Branche von einem schwächeren Jahr 2012 aus. Aber auch im nächsten Jahr wird es ein solides Wachstum geben, das etwa bei vier bis fünf Prozent liegen dürfte.

Weser Kurier:
Und die Risiken? Schuldenkrise, US-Konjunktur, Finanzmärkte, Euro?
Kannegiesser:
Die sind natürlich da, und sie werden grösser, nicht kleiner. Und darauf müssen wir uns vorbereiten.

Weser Kurier:
Wie?
Kannegiesser:
Indem wir interne Abläufe so gestalten, dass wir flexibel auf die immer schärferen und in kürzeren Abständen auftauchenden Schwankungen der Konjunktur reagieren können. Dazu gehört mehr Flexibilität bei der Finanzierung und auch mehr Flexibilität im Bereich der Belegschaft.

Weser Kurier:
Das klingt nach Ärger mit der Gewerkschaft. Die IG Metall hat kürzlich Forderungen aufgestellt nach flächendeckenden Mindestlöhnen, unbefristeter Übernahme von Lehrlingen, deutlich weniger Leiharbeit und einem Ende prekärer Arbeitsverhältnisse. Geht die Zeit der in der Krise bewährten pragmatischen Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu Ende?
Kannegiesser:
In der Krise haben sich beide Tarifparteien durch eine hohe Problemlösungskompetenz ausgezeichnet. Das bedeutet, gemeinsam Lösungen für alle Beteiligten zu finden. Mit pauschalen Rundumschlägen und zugespitzten Schlagzeilen-Formulierungen wird man das nicht erreichen können. Die Wirtschafts- und Arbeitswelt hat sich nicht erst seit der Krise stark verändert, sie ist bunter und differenzierter geworden. Dem muss auch mit differenzierten Lösungen Rechnung getragen werden. Die Tendenz ist spürbarer geworden, dass die Gewerkschaften wieder stärker erst an Mobilisierung denken und im zweiten Schritt an die Problemlösung.

Weser Kurier:
Also das Ende des Burgfriedens aus Zeiten der Krise?
Kannegiesser:
Soweit würde ich noch nicht gehen. Es ist jedoch eine stärkere Tendenz zu populistischen Forderungen festzustellen.

Weser Kurier:
Zum Beispiel?
Kannegiesser:

Zum Beispiel beim Thema Zeitarbeit. Das ist eines der Hauptthemen der Gewerkschaften. Die Debatte ist jedoch von ihrer Bedeutung her total aufgeblasen.

Weser Kurier:
Warum das denn?
Kannegiesser:
Es gibt mehr als 40 Millionen Erwerbstätige in Deutschland, deutlich weniger als eine Million von ihnen sind Zeitarbeiter. Das sind aktuell 2,2 Prozent. Und in der Metall- und Elektro-Industrie sind es unter fünf Prozent. Das Thema ist wichtig, aber dass es alles andere in der öffentlichen Wahrnehmung überragt, finde ich unangemessen. In den Unternehmen passiert viel, um die Situation für Mitarbeiter zu verbessern und vor allem die Stammkräfte zu binden. Über interne Weiterbildung, Qualifizierungsmaßnahmen, Führungsseminare und noch mehr und bessere Ausbildung. Zeitarbeit ist immer nur eine Ergänzung der Personalpolitik in einem Unternehmen. Sie ist aber nötig, um den immer häufiger auftretenden Schwankungen gerecht zu werden.

Weser Kurier:
Ein Vorwurf lautet, dass die Firmen die Leiharbeiter schlechter bezahlen als die Stammkräfte.
Kannegiesser:
Ich weiß. Da wird dann immer die Geschichte erzählt von dem Mitarbeiter, der im Autowerk die linke Tür montiert und weniger verdient als der Kollege, der die rechte Tür einbaut. Aber wie soll ich als Chef einer Stammkraft, die seit Jahren der Belegschaft angehört, erklären, dass ein Mitarbeiter, der nur für ein paar Monate in der Firma ist, denselben Lohn bekommt? Zumal auch da die Relationen nicht stimmen.

Weser Kurier:
Wie meinen Sie das?
Kannegiesser:
Es ist eine Legende, dass Firmen lieber Zeitarbeiter als Stammkräfte einsetzen. Die Metall- und Elektro-Industrie hat seit März 2010 rund 135.000 Stammarbeitsplätze geschaffen und nur 40.000 zusätzliche Zeitarbeiter beschäftigt. Zudem wird ein Drittel der Zeitarbeiter von anderen Firmen fest übernommen. Wir haben in unserer Industrie zwei Herausforderungen zu bewältigen: Wir müssen Anpassungsfähigkeit und Flexibilität an den Tag legen und zugleich unser Know-How pflegen. Beides ist unerlässlich, um auf dem Weltmarkt zu bestehen.

Weser Kurier:
Und dazu gehört auch Leiharbeit?
Kannegiesser:
In gewissem Maße ja. Weil diese Mitarbeiter dabei helfen, die immer häufiger auftretenden Schwankungen der Wirtschaftslage zu lösen. Es gibt kein Instrument, das kurzfristige Auslastungsprobleme zwischen den Unternehmen schneller löst als Zeitarbeit.

Weser Kurier:
Das wird öffentlich aber meist anders kommuniziert. Vermissen Sie beizeiten die nötige Wirtschaftskompetenz in Deutschland?
Kannegiesser:
Ja, die vermisse ich in der Tat. Vor allem in der Politik und in Teilen der Öffentlichkeit wird lieber in Schlagzeilen gedacht und diskutiert, als sich mit den Sachverhalten differenziert auseinanderzusetzen. Man hätte etwa bei der Zeitarbeiter-Diskussion früher klar machen müssen, dass Zeitarbeitgeber richtige Arbeitgeber sind. Diese Firmen haben Betriebsräte und unterliegen alle der gesamten Arbeitsgesetzgebung. Die Zeitarbeitsverbände müssen auf ihre Mitgliedsunternehmen einwirken, dass sie in dieser noch jungen Branche vernünftige Arbeitsbedingungen schaffen. Das heißt auch, dass Zeitarbeiter vernünftig bezahlt werden müssen. Aber sie werden immer ein bisschen weniger verdienen als Stammkräfte. Das wäre sonst unfair.

Weser Kurier:
Warum?
Kannegiesser:
Weil Stammkräfte am kollektiven Wissen und am Know-how des Unternehmens einen größeren Anteil haben.

Weser Kurier:
Noch mal zurück zum Thema Tarifpolitik. Was erwarten Sie vom Gewerkschaftstag der IG Metall im Oktober. Rechnen Sie mit scharfen Forderungen, die Sie nicht erfüllen wollen?
Kannegiesser:
Die derzeitige Tendenz in unserer Branche, alles düster zu beschreiben und den Teufel an die Wand zu malen, das wird irgendwann auf uns alle zurückschlagen. Es ist ein gefährlicher und kurzsichtiger Weg, so undifferenziert nach außen zu wirken. Wir erleben derzeit eine Boulevardisierung auch der Tarifpolitik.

Weser Kurier:
Woran machen Sie das konkret fest?
Kannegiesser:
An Aussagen, die die tatsächliche Lage völlig überzeichnen und verzerren. Etwa die Aussage, dass die Personalpolitik der Unternehmen zur Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse beiträgt. Natürlich wird man ein Beispiel finden, wenn man danach sucht. Ich bestreite auch gar nicht, dass es hie und da Missstände gibt, die man abstellen muss. Aber das gesamte Bild der Branche so düster zu malen, fällt irgendwann auf uns zurück.

Weser Kurier:
Was meinen Sie genau?
Kannegiesser:
Ich sehe das im Zusammenhang mit den neuen Wettbewerbern, die sich in Ländern wie etwa China entwickeln. Diese Herausforderung werden wir nur bewältigen können, wenn Arbeitgeber-und Arbeitnehmervertreter hinter dieser Industrie stehen und gemeinsam an einer Weiterentwicklung und Qualifizierung der Mitarbeiter arbeiten. Wir sind bereit, Probleme konstruktiv anzugehen. Das haben wir in der Krise bewiesen. Das generelle Schwarzmalen wird doch nicht die Attraktivität der Branche für junge Leute erhöhen. Aber genau die sind unsere Zukunft.

Weser Kurier:
Fühlen sich die Unternehmen nicht genug geschätzt?
Kannegiesser:
Darum geht es nicht. Ich befürchte, dass sich irgendwann Unternehmer und ein Großteil der Mitarbeiter von all dem abwenden und sagen: Wir machen das allein.

Weser Kurier:
Sie meinen massenhafte Tarifflucht?
Kannegiesser:
Ja, das könnte eine Folge davon sein. Ich halte das für nicht gut. Es muss einen Rahmen geben, in dem Themen gemeinsam gelöst werden. Das ist vielfach auch sehr gut gelungen in den letzten Jahren. Wir haben uns allen Problemen angenommen. Wir werden das auch weiter tun. Aber diese Pauschalisierungen, um Stimmungen zu machen, könnten das zunehmend erschweren.

Weser Kurier:
Was heißt das denn nun für die nächsten Gespräche mit der IG Metall?
Kannegiesser:
Es gibt bei der IG Metall noch genügend vernünftige Leute, die auch überwiegend das Gemeinsame sehen und Lösungen für alle anstreben. Aber die Gewerkschaft sollte erntshaft darüber nachdenken, ob Radaupolitik und Tarif-Boulevard mehr Mitglieder mobilisiert als der Nachweis von Problemlösungskompetenz und Betriebsnähe. Konflikte auszutragen und Probleme aufzuzeigen ist kein Thema, das ist normal. Die Frage ist nur, in welchem Stil und mit welchem Grundverständnis wir das tun.
(Quelle: Weser Kurier)

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