In der Breite der Metall- und Elektro-Industrie werden wir erst 2011 und 2012 wieder das Niveau vor der Krise erreichen.
Sie sind früher dran, weil Sie bei Wäschereitechnik die Weltspitze anführen? Unsere starke Stellung auf wichtigen Märkten hilft natürlich. Aber es gibt eben immer noch etliche Firmen mit erheblichen Schwierigkeiten. Das hat ganz unterschiedliche Gründe, und manche Branchenentwicklungen waren so ja auch nicht abzusehen.
Zum Beispiel? Seit einigen Monaten werden wieder deutsche Premium-Autos in einigen Regionen sehr stark nachgefragt. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass unserer Industrie vorgeworfen wurde, Entwicklungen verschlafen zu haben und überhaupt die falschen Autos zu produzieren. Wir sollten vorsichtiger sein mit schnellen Urteilen. Im Grundsatz ist unsere Industrie seit vielen Jahren sehr gut geführt und folglich solide aufgestellt.
Und kommt nun stärker aus der Krise als andere? So pauschal kann man das nicht sagen. Wir haben zwar unsere Beschäftigung und damit unser Know-how im Wesentlichen halten können. Aber das Preisniveau hat gelitten. Auch um die Produktion einigermaßen auszulasten, sind Preiszugeständnisse gemacht worden. Das macht uns allen zu schaffen.
Auch der Firma Kannegiesser? Kürzlich habe ich Kunden auf Mallorca, einem der großen Touristikzentren, besucht. Deren Hotels sind zwar inzwischen wieder ganz gut gebucht, doch auch dort sind die Preise gesunken. Und das hat dann Auswirkungen auf deren Investitionsverhalten. Doch alles in allem haben wir uns und hat sich die Branche insgesamt gut geschlagen in der Krise. Dabei hielten sich auch die Belastungen für die Belegschaften in Grenzen, der Lebensstandard hat nicht sehr gelitten.
Der Sommeraufschwung 2010 verdankt sich vor allem dem Export. Wie lange geht das gut, wenn die USA nicht richtig in Schwung kommen, die Chinesen Fahrt verlieren und in Europa die Staatshaushalte saniert werden? Auch weil der Absturz uns noch in den Knochen steckt, freuen wir uns natürlich sehr über die aktuelle Entwicklung. Doch wir wissen um die Risiken. Dazu sind die Finanzierungsbedingungen schwieriger geworden, und die Firmen haben ihre Lager extrem runter gefahren. Das muss sich erstmal wieder normalisieren. Aber was soll man machen: Das Leben ist riskant.
Die Betonung der Risiken ist ja auch ganz hilfreich, wenn es gilt, die Lohnvorstellungen der Gewerkschaften im Zaume zu halten. Erst vor ein paar Monaten haben wir mit der IG Metall gemeinsam entschieden, alles für die Beschäftigungssicherung zu tun. Das ist für beide Seiten eine ganz teure Operation gewesen. Wenig später können wir nicht so tun, als hätten wir wieder normale Zeiten und feilschen um einen halben Prozentpunkt. Im Übrigen gibt es in unserer Industrie für dieses Jahr eine Einmalzahlung, die 0,8 Prozent ausmacht, und im kommenden Jahr steht eine Tariferhöhung um 2,7 Prozent an. Das ist mutig – auch aus heutiger Sicht. Es besteht also überhaupt keine Veranlassung, jetzt mit den Füßen zu scharren. Das sieht die Spitze der IG Metall übrigens genauso.
Und die Arbeitnehmer? Die registrieren täglich die Supermeldungen aus den Unternehmen.
Sicher. Aber weil ein paar Monate gut gelaufen sind, nach einer existenzbedrohenden Krise, in der wir unsere Belegschaften gehalten haben, muss man auf dem Teppich bleiben. Es gibt einen Tarifabschluss mit Beschäftigungssicherung – und der gilt heute und morgen auch noch. Manchmal scheint vor lauter Verteilungsgier vergessen zu werden, dass Gewinne in erster Linie dazu gebraucht werden, um die Betriebe stabil und überlebensfähig zu halten. Unser Fortschritt, unsere Freiheitsräume und unser Lebensstandard hängen von der Investitionskraft unserer Unternehmen ab, und da liegen gewaltige Herausforderungen vor uns.
Ist denn mit Hilfe des Tarifvertrags der Beschäftigungsabbau gestoppt worden? In den ersten Monaten dieses Jahres gab es noch Stellenabbau und wir gingen davon aus, dass in unserer Branche im Gesamtjahr 50.000 bis 60.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Das wird so glücklicherweise nicht eintreten, die Beschäftigung, die wir jetzt haben, bleibt stabil. Es gibt auch wieder Einstellungen, das sind keinesfalls nur Zeitarbeiter, sondern auch schon wieder ein paar tausend Stammkräfte.
Die Beschäftigung von Leiharbeitnehmern steigt tendenziell – sehr zum Ärger der IG Metall. Warum lassen Sie sich nicht auf das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ein? Die Zeitarbeitsbranche ist eine eigene Branche mit ihren eigenen Notwendigkeiten und Tarifen. Wir als Kunden dieser Branche können denen nicht die Arbeitsbedingungen aufzwingen. Wenn die Gewerkschaften dort andere Bedingungen wollen, dann müssen sie das mit den dortigen Verbänden verhandeln. Was uns betrifft: Nach den flexiblen Arbeitszeiten ist die Zeitarbeit das wichtigste Instrument, um schnell Schwankungen ausgleichen zu können. Dass muss auch so bleiben, weil die Konjunkturzyklen immer kürzer laufen und unberechenbarer werden.
Die Flexibilität soll ja auch bleiben, aber warum wird der Leiharbeiter nicht anständig bezahlt? Wir sagen, dass unsere Kosten für Zeitarbeitnehmer ein Stück weit unter den Kosten unserer Mitarbeiter liegen sollten, deren Kompetenz langfristig gewachsen ist. Was dann die Zeitarbeitsfirmen ihren Leuten zahlen – das ist deren Sache. Sie müssen sich genauso mit der zuständigen Gewerkschaft auseinandersetzen wie wir auch. Schließlich sollten wir nicht vergessen, dass ohne die Zeitarbeitsbranche viele Geringqualifizierte keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten.
S
ie haben vor kurzem „Solidarität als Bindemittel unserer Gesellschaft“ bezeichnet. Arbeitnehmer und Arbeitslose haben davon in den vergangenen 20 Jahren nicht viel gemerkt, die Einkommens- und Vermögensschere klafft weiter denn je auseinander. In der Metall- und Elektro-Industrie sind die Tarifentgelte in den vergangenen 20 Jahren um 77 Prozent gestiegen – bei uns gibt es das Problem nicht. Wir müssen uns in der globalen Welt permanent auf neue Herausforderungen einstellen. Und das ist uns gemeinsam mit den Belegschaften und der IG Metall gelungen, während etwa die USA und Großbritannien nur noch halb so viel Industrie haben wie wir. Und was das Geschehen auf dem Arbeitsmarkt anbelangt: Über viele Jahre hatten wir nach jedem Aufschwung eine immer höhere Sockelarbeitslosigkeit. Deshalb kam ja auch der Slogan auf: „Sozial ist, was Arbeit schafft“.
Sind die Millionen miserabel bezahlter Jobs sozial? Sie müssen doch die Gründe für diese Löhne sehen. Wir waren auf dem besten Wege, unsere Wettbewerbspositionen und den Lebensstandard für die große Masse der Bevölkerung aufs Spiel zu setzen. Es ging doch gar nichts mehr. Und dann sind mit einem Schlag im Zuge der Globalisierung 1,5 Milliarden Menschen auf dem Arbeitsmarkt hinzugekommen, mit der Folge enormer Veränderungs- und Anpassungsprozesse. Und unser Niedriglohnsektor ist doch auch ein Spiegelbild der Qualifikationsstruktur. Wir haben auf der einen Seite Fachkräftemangel und auf der anderen Seite haben wir zu geringe Qualifikationen.
Da können die Unternehmen mehr tun. Man kann immer mehr tun. Zum Beispiel bei Menschen mit Migrationshintergrund. Deren Potenziale müssen wir stärker nutzen und diese Menschen integrieren. Ich verstehe auch die Forderung nach einer größeren Unterstützung für Geringqualifizierte. Aber das müssen Andere dann mit ihren Steuern und Beiträgen bezahlen. Im letzten Jahrzehnt liefen wir die Gefahr, das zu überziehen, mit der Agenda 2010 gab es dann eine notwendige Korrektur. Auch durch das Prinzip Fördern und Fordern. Aber selbstverständlich muss das immer wieder neu angepasst werden, ein Ausgleich muss gefunden werden, mit dem die Gesellschaft insgesamt gut leben kann. Es geht dabei um den Ausgleich von Effizienz und sozialem Anspruch.
Werden in den kommenden Jahren die Standortbedingungen für die Arbeitnehmer besser wegen des Fachkräftemangels? Vermutlich. Man darf aber auch dann nicht überziehen. Umgekehrt gilt auch: Wenn ich hohe Arbeitslosigkeit ausnutze, um die Leute schlecht zu bezahlen, dann gehen Engagement und Motivation und Leistung verloren. Das geht nicht lange gut. Langfristig müssen beide Seiten das Gefühl haben, dass es fair zugeht, ein fairer Ausgleich stattfindet.
Wären Lockprämien für ausländische Fachkräfte hilfreich? Gute Leute, Talente, bekommt man doch nicht mit einem einmaligen Begrüßungsscheck. Diese Menschen müssen sich langfristig hier wohl fühlen. Und da haben wir Nachteile, zum Beispiel gegenüber angelsächsischen Ländern bei der Sprache.
Wir kommen Sie an ausländische Talente? Zum Beispiel durch unsere Hochschultage. So ist es uns kürzlich gelungen, ein paar indische Ingenieure einzustellen, die wir für unser internationales Geschäft brauchen. Etwa, wenn wir Wäschereien im Golf ausstatten. Wir werden alle internationaler, und wenn wir Weltoffenheit zeigen und die Menschen gut integrieren, dann bringt das mehr als irgendeine Prämie oder Subvention.
Gibt es denn für die Kannegiesser-Belegschaft für das gute Jahr 2010 eine Prämie? Wir sind gerade in der Mitte des Jahres. Das erste Halbjahr ist gut gelaufen, wir haben aber Preisdruck, und ich weiß noch nicht, wie der Auftragseingang in den nächsten Monaten aussieht. Und wenn ich am Jahresende feststelle, es war gut, und die Perspektiven sind auch gut, dann geht es erstmal um Investitionsprojekte. Ich werde unser Saatgut nicht verfrühstücken.
Was für Investitionsprojekte? Wir wollen unsere Produktionsstätten modernisieren und auch neue Werke bauen.
Wo? Eins in Deutschland und eins in England.
Und wann gehen Sie in den Ruhestand? Ich bin dafür weder reif noch besonders geeignet. Manche Arbeitsschwerpunkte werden sich in den nächsten Jahren verändern und es wird viel Erneuerung geben.
(Quelle:
Tagesspiegel / Interview: Alfons Frese)