In solchen Monaten das Thema Beschäftigungssicherung an oberste Stelle zu setzen, schien etlichen Vertretern aus Unternehmen, Politik und Wissenschaft zumindest als gewagt, wenn nicht absurd. Dennoch: Wir hatten uns dazu entschlossen, dass es sich um eine besonders tiefe Konjunktur- und keine Strukturkrise handelte. Unternehmen, Tarifparteien und Politik haben ein gemeinsames Konzept entwickelt und durchgesetzt.
Nun erholt sich die Konjunktur. Wir haben die meisten unserer Strukturen in der M+E- Industrie erhalten können. Aber wir dürfen uns nicht darüber täuschen, dass seit vielen Jahren ein ständiger Strukturwandel stattfindet und dieser sich nun im Aufholprozess sogar noch beschleunigen wird.
Die Internationalisierung unseres Geschäftes wird sich beschleunigen, die Komplexität unserer Angebots- und Leistungspaletten wird wachsen, die Volatilität unserer Kunden und unserer Märkte wird weiter zunehmen. Unsere Wettbewerber werden sich in der nächsten Zeit schnell aufraffen und überall dort, wo wir vom Aufbau der Industrien derzeit noch profitieren, werden wir in Kürze zunehmende und nachhaltige Konkurrenz bekommen.
Zur Beherrschung dieser Prozesse und zum Erhalt des Lebensstandards und der Freiheitsräume in unserem Land braucht es immer mehr erstklassige Unternehmer und erstklassige Belegschaften. Noch haben wir beides und das Bewusstsein, dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, sondern laufend gepflegt werden muss, ist gewachsen.
Gerade in unserer Branche mit ihren 95% Stammkräften und überwiegend fachlich Qualifizierten wird das Bewusstsein für den pfleglichen Umgang miteinander weiterhin zunehmen. Gerade in einer Branche, in der sich immer schneller neue Technologien entwickeln, in einer Branche, die Technologie macht, sind Teamgeist, kollektives Wissen der Belegschaft, fachlich und menschlich guter Umgang miteinander Voraussetzungen für den Bestand der Betriebe.
Im weitesten Sinne müssen wir uns weiterhin um die ständige Balance zwischen Flexibilität und Stabilität bemühen – also unsere Belegschaften durch die Höhen und Tiefen wirtschaftlicher und technologischer Entwicklungen zu bringen und uns gleichzeitig nach Innen und Außen wirtschaftlichem Wandel rasch anzupassen. Dies findet heute schon in etlichen Betriebsvereinbarungen und Tarifverträgen seinen Niederschlag. Pforzheim hat Mentalitäten verändert. In der Tarifpolitik war auch der Tarifvertrag Beschäftigungssicherung ein Meilenstein.
Seitdem sind etliche tarifvertragliche Regelungen erfolgt, die sich um eine neue Balance zwischen den Rahmenbedingungen in der Branche und den Notwendigkeiten des einzelnen Betriebes anzupassen versucht.
Trotz der auch starken finanziellen Anstrengung zugunsten von Beschäftigungssicherung wird gut die Hälfte unserer Belegschaften zwei Monate früher als die vereinbarte Standardnorm ihre Entgelterhöhung von 2,7% erhalten – also ab 1. Februar anstatt 1. April. Für mich ein Zeichen dafür, das mit Flexibilisierung fair umgegangen wird.
Das unsere Branche bewegende Thema ist kaum die sogenannte „prekäre“ Beschäftigung. Unser großes Thema ist es, wie wir unsere Industrie zukunftsfähig machen und halten, wie wir den demographischen Wandel auch in unseren Betrieben handhaben müssen, wie wir im Auf und Ab schneller wirtschaftlicher Entwicklungen Beschäftigung sichern können, wie wir Flexibilität mit Sicherheit verknüpfen können.
1. M+E-Konjunktur: Rückblick/Ausblick 20112010 wird nicht als Rekordjahr, sondern als Jahr des Aufholens in die Geschichte eingehen. Die Wirtschaft insgesamt wuchs um 3,6 Prozent. Allen voran haben die Betriebe der M+E-Industrie ihren Anteil an diesem Aufschwung gehabt. So stiegen die gesamten Exporte aus Deutschland 2010 um mehr als 14 Prozent.
Vor uns liegt nun ein Jahr, in dem die Wirtschaft aller Voraussicht nach weiter positive Zahlen schreiben wird. Die Prognosen der führenden Wirtschaftsinstitute sagen ein Wachstum des BIP von etwa 2,2 Prozent voraus. Wie deutlich dieses Wachstum am Ende ausfallen wird, ist ungewiss. Es hängt von vielen Faktoren ab, z.B. dem Kurs des Euro, der Stabilität des europäischen Wirtschaftsraums, der fortgesetzten Nachfrage aus Schwellen- und Wachstumsländern und der Entwicklung der Energie- und Rohstoffpreise.
Natürlich sind auch die hiesigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wichtig. Je flexibler die Unternehmen auf die wechselnden Anforderungen reagieren können, desto besser. Wenn die Vorhersagen zutreffen, dann werden viele Branchen gegen Ende des Jahres den krisenbedingten Wirtschaftseinbruch endgültig aufgeholt und den Stand vom ersten Halbjahr 2008 wieder erreicht haben.
Noch haben wir das Niveau vor der Krise nicht wieder eingeholt: Bei der Produktion sind erst 70 Prozent, beim Auftragseingang 80 Prozent des Einbruchs wettgemacht. Wir müssen 2011 weiter wachsen, wenn wir diese Rückstände aufholen wollen. Wenn es gut läuft, steht die M+E-Industrie voraussichtlich Ende 2011 wieder dort, wo sie vor 2008 einmal war. Alles in allem hätten wir dann durch die Wirtschaftskrise drei komplette Jahre verloren.
Der Aufholprozess wird sich dann auch in der Beschäftigung zeigen. Von April bis November 2010 hat die M+E-Industrie bereits wieder 40.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Eine Verdrängung regulärer Arbeitsplätze durch die Zeitarbeit findet nicht statt. Ich bin zuversichtlich, dass der Beschäftigungsaufbau sich auch in diesem Jahr fortsetzen wird. Ich weise aber auch darauf hin, dass die Unternehmen noch immer einen Überhang von 50.000 Arbeitsplätzen finanzieren – eine gemeinsame Leistung von Betrieben, Belegschaften und IG Metall, die öffentlich noch mehr Beachtung finden sollte.
Auf den Weltmärkten haben die Unternehmen der M+E-Industrie gute Wachstumschancen, weil sie mit ihren Produkten von den so genannten Megatrends der wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung weltweit profitieren können. Viele der künftigen Herausforderungen verlangen nach technischen Lösungen – vom Umweltschutz bis zur sicheren Energieversorgung. Die M+E-Industrie in Deutschland ist die Technologiebranche schlechthin.
Diese Marktposition und die guten Zahlen des Vorjahres sind jedoch kein Grund, sich jetzt zurückzulehnen und auszuruhen. China wird nicht nur als Absatzmarkt immer wichtiger. Chinesische Unternehmen gewinnen auch als Konkurrenten für deutsche Unternehmen eine immer größere Bedeutung.
Damit wir diesen Wettbewerb bestehen können, brauchen wir:
- innovative Produkte, mit denen wir weltweite Märkte bedienen können
- möglichst flexible Markt- und Arbeitsbedingungen in Deutschland
- vernünftige wirtschaftliche Rahmenbedingungen
- eingespielte Stamm-Mannschaften
Gerade dieser letzte Punkt darf nicht unterschätzt werden. Qualifizierte, motivierte Mitarbeiter sind die Grundlage für erfolgreiche Innovationen: Wir müssen auch künftig unseren Wettbewerbern immer einen Schritt voraus sein und die Felder zuerst besetzen. Bislang gelingt uns das in den meisten Fällen, aber der Wettbewerb wird noch dynamischer, die Innovationszyklen werden immer kürzer.
Dazu gehört auch, dass wir uns die notwendige Flexibilität im Personaleinsatz erhalten. Wir können nur dann unsere eingespielten Stammbelegschaften absichern, wenn die Instrumente der Flexibilität wie zum Beispiel die Zeitarbeit und die befristete Beschäftigung erhalten bleiben. Letztlich kommt es darauf an, die richtige Balance zwischen Sicherheit und Flexibilität im Arbeitsmarkt zu finden. Dieses Thema wird uns national wie auch auf europäischer Ebene in den kommenden Jahren noch intensiv beschäftigen.
2. Tarifpolitik, Entgelte, Schutz der TarifeinheitWährend es also eine Reihe guter Gründe für den Erfolg der deutschen Unternehmen auf den internationalen Märkten gibt, kann man einen gewiss ausschließen: Wir haben die Erfolge nicht durch Lohndumping erkauft, wie uns verschiedentlich vorgeworfen wurde, auch von einzelnen Partner- und Nachbarländern.
Wir stehen mit unseren industriellen Arbeitskosten immer noch im oberen Viertel der internationalen Lohntabelle. Allerdings haben wir im vergangenen Jahrzehnt durch konjunkturgerechte Tarifabschlüsse ein Stück der Kosten-Wettbewerbsfähigkeit wiedergewonnen, die wir in den 90er Jahren verspielt hatten. Der Tarifabschluss vom vergangenen Jahr entfaltet nun seine volle Wirkung. Unser Tarifvertrag läuft noch bis zum 31. März 2012. Wir führen deshalb zurzeit keine Gespräche über die nächste Tarifrunde, und wir äußern uns auch nicht zu anderen Branchen.
Zum 1. April 2011 werden die Tabellenentgelte um 2,7 Prozent erhöht. Diese Tabellenerhöhung kann je nach wirtschaftlicher Lage des Betriebs durch freiwillige Betriebsvereinbarung um zwei Monate nach vorne oder hinten geschoben werden. Aus einigen Tarifgebieten erreichen uns Meldungen, dass zahlreiche Unternehmen aufgrund ihrer betrieblichen Lage die Entgelterhöhung um zwei Monate vorziehen – so wie es der Tarifvertrag ermöglicht. Insgesamt sieht es so aus, als ob mehr als die Hälfte der Beschäftigten der M+E-Industrie von vorgezogenen Entgelterhöhungen profitieren werden.
Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass es noch immer Unternehmen in der M+E-Industrie gibt, die bislang nicht von der wirtschaftlichen Erholung profitiert haben. Noch immer gibt es über 100.000 Beschäftigte in Kurzarbeit in der M+E-Industrie. Noch immer schreibt ein Drittel der Betriebe rote Zahlen oder eine schwarze Null. Deshalb darf die Verschiebung der Entgelterhöhung keine Einbahnstraße sein. In Bayern verschieben z.B. 4 Prozent der Betriebe die Entgelterhöhung aus betrieblichen Gründen nach hinten. Es ist wichtig, dass sich weder Unternehmen noch Mitarbeiter übervorteilt fühlen, sondern sich beide Seiten gerecht behandeln. Denn in Zukunft werden wir eher mehr als weniger solcher flexibler Instrumente benötigen.
Unabhängig davon unterstützen wir nachdrücklich das Bestreben von BDA und DGB, eine Regelung zum Schutz der Tarifeinheit gesetzlich zu verankern. Tarifautonomie und Flächentarifverträge haben den Aufbau einer weltweit wettbewerbsfähigen Industrie am Standort Deutschland mit ermöglicht und „englische Verhältnisse“ verhindert. Gerade in der Krise hat sich der Flächentarif eindrucksvoll bewährt. Wenn konkurrierende Gewerkschaften auch während der Friedenspflicht eines laufenden Tarifvertrags streiken können, geht ein entscheidender Vorteil der Flächentarife insgesamt verloren. Deshalb sollte die Tarifeinheit schnell gesetzlich verankert werden.
3. Schwerpunkt: Demographie/FachkräftesicherungEin immer wichtigeres Thema für die M+E-Industrie ist der Fachkräftemangel. Er ist heute spürbar und droht mittelfristig zu einem ernsten Problem für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu werden. Im Oktober 2010 fehlten der Wirtschaft insgesamt rund 84.000 MINT-Fachkräfte (MINT = Mathematik, Informatik, Technik, Naturwissenschaften) und etwa 43.000 Ingenieure. Die M+E-Industrie ist von einem Mangel bei diesen technischen Fachkräften besonders betroffen.
Die Zahl der Schulabgänger und damit der Bewerber um Ausbildungsplätze ist rückläufig. Bereits 2009 gab es bundesweit etwa 4 Prozent weniger Schulabsolventen (im Osten - 26 Prozent!). 2010 liegt der Rückgang bei 3 Prozent, im Osten bei weiteren 13 Prozent. Die Folge: Sogar im Krisenjahr 2009 konnten die M+E-Unternehmen etwa 5 Prozent ihrer angebotenen Ausbildungsplätze nicht besetzen, weil die entsprechend qualifizierten Bewerber fehlten.
Mittelfristig läuft die M+E-Industrie auf einen demographiebedingten, strukturellen Fachkräftemangel zu. Er betrifft
- die Ausbildung von Fachkräften im Rahmen der Dualen Ausbildung und der Dualen Studiengänge;
- die Beschäftigung von akademisch ausgebildeten MINT-Fachkräften – und hier vor allem von Ingenieuren: Bis zur Mitte des Jahrzehnts könnten insgesamt rund 200.000 Ingenieure fehlen, wenn nichts getan wird.
- Der Erhalt der Qualifikation und der Beschäftigungsfähigkeit von älteren Mitarbeitern (alternde Belegschaften).
Die Unternehmen und Verbände der M+E-Industrie werden auch in diesem Jahr ihre Anstrengungen fortsetzen, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Was wollen wir tun?
Wir wollen den Nachwuchs für die duale Ausbildung in der M+E-Industrie gewinnen. Wir wollen mehr junge Frauen/Mädchen für die technischen Berufe begeistern, schwächere/benachteiligte Jugendliche fördern und ausbildungsreif machen, Kinder von Migranten besser integrieren und für die anspruchsvolle Berufsausbildung bei M+E gewinnen sowie KMU bei der Suche nach Ausbildungsbewerbern besonders unterstützen.
Derzeit bilden die M+E-Unternehmen rund 200.000 junge Menschen aus (Stand Ende 2009). Hinzu kommen 16.000 Jugendliche, die in Dualen Studiengängen oder an Berufsakademien ausgebildet werden. Die Unternehmen investieren rund 4 Mrd. Euro jährlich in die Berufsausbildung.
Die Verbände der M+E-Industrie informieren seit 1988 die Schüler/Eltern und Lehrer bundesweit mit neun „InfoMobilen“ über die Ausbildungsmöglichkeiten und Berufschancen in der M+E-Industrie. Ziel ist die Unterstützung der Schüler bei der Berufswahlentscheidung. Die Verbände/Gesamtmetall investieren allein dafür rund 5 Millionen Euro jährlich.
Die Verbände der M+E-Industrie fördern zudem in zahlreichen Projekten die mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung – zum Teil schon im Kindergarten und im Vorschulalter. Stellvertretend nenne ich die Verbände-Initiative „Think ING.“ und die regionalen MINT-Netzwerke zwischen Schulen und Wirtschaft zur Förderung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Kenntnisse.
Zudem müssen wir das Bemühen um ältere Mitarbeiter intensivieren, z.B. durch die Verbesserung der Qualifikationen Älterer, Stichwort „lebenslanges Lernen“ oder auch durch die Stärkung der Gesundheitsprävention und -förderung in den Betrieben. Unser Tarifvertrag zum flexiblen Übergang in die Rente (TV FlexÜ) flankiert die Rente mit 67 und ist ein wichtiger Baustein, um die Beschäftigung Älterer in der M+E-Industrie langfristig zu fördern. Die M+E-Unternehmen haben die Zahl der älteren Arbeitnehmer („60 plus“) zwischen 2000 und 2009 von 85.000 auf 141.000 gesteigert. Das ist eine Zunahme um 65 Prozent. Wir wollen auf diesem Weg weitere Erfolge erzielen.
Wir dürfen die Augen aber auch nicht vor der Tatsache verschließen, dass die deutsche Wirtschaft und mit ihr die M+E-Industrie in Zukunft auch auf mehr qualifizierte Zuwanderung nach Deutschland angewiesen sein wird. Kurzfristig könnte sich die Absenkung der Einkommensgrenze für Akademiker aus Nicht-EU-Ländern positiv auswirken. Mittelfristig wird Deutschland ein Zuwanderungskonzept benötigen, das an den Notwendigkeiten des Arbeitsmarktes ausgerichtet ist. Im Bereich der Bildungspolitik ist zudem die erleichterte Anrechnung von Kompetenzen, die im Ausland erworben wurden, eine notwendige Veränderung.
4. CEEMET-Präsidentschaft Die nationalen Spielregeln werden schon heute zu mehr als zwei Dritteln aus Brüssel bestimmt. Je weiter weg die Entscheidungsträger vom tatsächlichen betrieblichen Alltag sind, umso praxisfremder drohen etliche Vorhaben zu werden. Deshalb ist eine gleichermaßen starke wie konstruktive sozialpolitische Interessenvertretung auf europäischer Ebene notwendig. Umso mehr freut es mich, dass ich im Herbst 2010 für zwei Jahre die Präsidentschaft unseres europäischen Dachverbandes CEEMET übernehmen durfte.
Wichtigste Herausforderungen für die M+E-Industrie in Europa sind aus meiner Sicht die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, die Sicherung von Fachkräften und die Verbesserung der Flexibilität im europäischen Wirtschaftsraum. Ich werde mich deshalb vorrangig um entsprechende Projekte auf europäischer Ebene bemühen. Schon in wenigen Tagen werde ich hier in Berlin mit den Präsidenten wichtiger europäischer Schwesterverbände zusammentreffen, um Details unserer Agenda festzulegen.
Wir wollen diskutieren, wie wir auch auf europäischer Ebene für unsere Industrie werben und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken können. Und wir sollten versuchen, die Bedürfnisse der Betriebe nach Flexibilität und der Beschäftigten nach Sicherheit fair auszubalancieren. Klar ist, dass es hier keinen einheitlichen europäischen Ansatz geben kann – dazu sind die nationalen Voraussetzungen und Hintergründe viel zu unterschiedlich.
Ebenso klar ist, dass die deutsche Metall- und Elektro-Industrie bereits in vielfältiger Weise dieses Flexicurity-Prinzip verwirklicht hat:
- So ermöglichen z.B. der Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung (TV Besch) und der Tarifvertrag Zukunft in Arbeit (TV ZiA) eine befristete Reduzierung von Arbeitszeit und Einkommen und bieten den Arbeitnehmern im Gegenzug eine Beschäftigungsgarantie.
- Die Ergänzungstarifverträge nach dem Pforzheim-Abkommen sehen als Gegenleistung für die befristete Reduzierung tarifvertraglicher Leistungen eine Standortsicherung oder Investitionszusagen vor.
- Bei der Qualifizierungsteilzeit für Ausgebildete (TV ZiB NRW, TV Quali BaWü) verzichten Arbeitnehmer vorübergehend auf Teile ihres Einkommens und finanzieren so ihre Freistellung zur Weiterbildung.
Alle diese Instrumente verbinden Flexibilität für die Betriebe mit Sicherheit für die Belegschaften. Wir brauchen ein solches faires Geben und Nehmen, um auf beiden Seiten eine hohe Akzeptanz zu sichern. Unsere Erfahrung aus der M+E-Industrie zeigt, dass erfolgreiche Unternehmen ihre Arbeitnehmer stärker einbeziehen als andere.
5. ZeitarbeitZeitarbeit ist aus der modernen Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Das sage auch ich als Vertreter einer Branche mit rund 95% Stammbelegschaften.
Es gibt kein arbeitsmarktpolitisches Instrument, das derart schnell ausgleicht zwischen vorübergehend schlechter oder besser ausgelasteten Betrieben.
Inzwischen ist die Zeitarbeitsbranche professionalisiert, verantwortet moderne Arbeitgeberfunktionen, hat eine überwiegend funktionierende Verbandsstruktur.
Der Streit geht um die wirtschaftlich angemessene Bezahlung, das Prinzip „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Man muss hinzufügen, dass Leistung und Produktivität stets in solche Vergleiche eingehen müssen. Man kann auch nicht ohne Weiteres unterstellen, dass nur der Vergleich zwischen Stammbelegschaft am jeweiligen Einsatzort zu ziehen ist, sondern auch innerhalb der Zeitarbeitgeberbranche.
Inzwischen gibt es viele Regelungen in den Unternehmen und auch viel praktische Erfahrung, so dass die derzeitige Debatte auch einen hohen Anteil an politischer Opportunität und an Ideologie enthält.
Qualifizierte Fachkräfte sollten über eine wirtschaftlich angemessene Zeitstrecke an den tariflichen Grundlohn herangeführt werden, während Geringqualifizierte deutlich niedriger einzustufen sind, weil andernfalls die Nachfrage nach Zeitarbeit und damit die entsprechenden Arbeitsplätze massiv verloren gehen werden.
Nach unserer Meinung sollten solche Regelungen zwischen den Tarifparteien gefunden werden, nämlich den Zeitarbeitgeberverbänden und der Gewerkschaft. Zwischen diesen Tarifparteien gibt es heute schon Tarifverträge, die naturgemäß, wie in allen anderen Branchen auch, angepasst und ergänzt werden müssen.
Die Unternehmen meiner Branche sind als Kundenunternehmen der Zeitarbeitsbranche betroffen.