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Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser im Interview

"Pflege und Weiterentwicklung der Stammbelegschaften sind von ausschlaggebender Bedeutung"

10.12.2010
Martin Kannegiesser in der Augsburger Allgemeinen über die Beschäftigung in der M+E-Industrie und die Bewältigung der Wirtschaftskrise "Die von den Juristen angezettelte Zersplitterung durch Aufhebung des Grundsatzes der Tarifeinheit ist für die betriebliche Praxis der Gemeinsamkeit schädliche Kopfgeburt
AA:
Früher wurden die reformfaulen Deutschen verspottet. Mit dem Begriff „German Angst“ fand sich das Etikett für unsere Nation. Inzwischen schreiben diese Kommentatoren bewundernd über das „German Job-Wunder“. Warum sind wir ohne größere Blessuren durch die Krise gekommen?

Kannegiesser:
Die Krise ist von den Finanzmärkten ausgegangen, hat Schwächen, Fehler und Strukturmängel Gesamtmetallpräsident Martin Kannegiesserin diesem Bereich weltweit zum Ausbruch kommen lassen. In dieser Woge des Unheils sind auch weite Teile der Realwirtschaft überflutet worden. Die Strukturen unserer Industrie waren vor der Krise stark, gesund und erfolgreich und als die Flut abebbte, war ein großer Teil dieser Stärken funktionsfähig geblieben. Dennoch: Die Krise war für unsere Industrie eine quälende Rosskur. Viele Monate lang standen wir in leeren Werkhallen, die Aufträge waren bis zu 80% weggebrochen. Im Bemühen ums Überleben haben viele Unternehmen erheblich Eigenkapital verloren. Jetzt sind wir in einem Prozess des Wiederaufholens, der für viele Betriebe noch ein bis zwei weitere Jahre benötigen wird.

AA:
Woran lag unser Vorsprung?

Kannegiesser:
In den letzten Jahren haben wir bei Restrukturierung und Reform unserer Unternehmen Enormes geleistet: Die weltweite Präsenz gerade auch in den neuen Wachstumsmärkten wurde kräftig ausgebaut. Die Attraktivität unserer Produkte und unserer Organisationen gesteigert, Wettbewerbsfähigkeit und Flexibilität erhöht. Bei den Arbeitsbeziehungen wurden Dialogfähigkeit und Lösungskompetenz der Betriebs- und der Tarifparteien spürbar verbessert – größere Betriebsnähe stärkte den Pragmatismus gegenüber Ideologien. Die Mehrheit unserer Betriebe empfindet sich als Schicksalsgemeinschaften – und diese Mentalität ging besonders von unseren traditionellen Familienunternehmen aus, hat inzwischen aber auch viele große Kapitalgesellschaften erfasst.
Der Geist beispielsweise unserer großen ERA-Tarifreform fördert den Zusammenhalt von Belegschaften, begegnet Spaltungen. Deshalb ist die von den Juristen angezettelte Zersplitterung durch Aufhebung des Grundsatzes der Tarifeinheit für die betriebliche Praxis der Gemeinsamkeit eine so schädliche Kopfgeburt.

AA:
Wie ernst war die Lage in Ihrem Unternehmen für Wäschereitechnik?

Kannegiesser:
Wir haben die Krise gespürt, wenn auch nicht so heftig wie andere Firmen. Bei uns gingen die Aufträge um 17 Prozent zurück. Das ist bitter, aber noch beherrschbar. Wir kamen ohne Entlassungen und Kurzarbeit aus. In der Krise haben wir von unserer weltweit guten Position profitiert.
AA:
Das muss für einen Unternehmer ein Gefühl tiefer Befriedigung sein, die Belegschaft an Bord halten zu können, während ein Orkan tobt.

Kannegiesser:
Der Absturz erfolgte schlagartig und wie im freien Fall. Es kommt dann darauf an, die Kosten rasch an die niedrige Auslastung anzupassen. In der Tat haben viele Unternehmerkollegen aus anderen Ländern kopfschüttelnd beobachtet, wie wir trotz der Absatzeinbrüchen von bis zu 50% und mehr an unseren Stammbelegschaften festgehalten haben, also auf klare Kostenschnitte verzichteten. Es war ein ungewöhnliches Verhalten und gewiss nicht ohne Risiko.

AA:
Die Unternehmer haben massenhaft Kurzarbeit eingesetzt. War allein dieses Instrument das deutsche Wundermittel gegen den Stellenabbau?

Kannegiesser:
Das Instrument der Kurzarbeit gibt es bei uns schon seit Jahrzehnten – wurde jedoch zuvor noch nie so massenhaft angesetzt. Arbeitgeber und Gewerkschaften waren sich in der Beurteilung der Krise einig, dass es nämlich um Überbrückungshilfen gehen müsse und folglich Beschäftigungssicherung im Mittelpunkt zu stehen hatte. Gemeinsam sind wir dann gegenüber der Politik aufgetreten, haben eine temporäre Verbesserung der Instrumentes Kurzarbeit gefordert. Gleichzeitig haben wir gemeinsam neue betriebliche und tarifliche Lösungsansätze entwickelt. Dabei haben wir erstmals die Kosten von Beschäftigungssicherung analysiert und in unsere Entgeltpolitik integriert.

AA:
Warum brach keine Panik aus? In den 90er Jahren, als die deutsche Wirtschaft sich an die Globalisierung anpassen musste, wurden Hunderttausende Arbeitsplätze gestrichen. Erfahrene Mitarbeiter, die später schmerzhaft vermisst wurden, mussten gehen. Haben die Firmen-Chefs daraus gelernt?

Kannegiesser:
Dieser Reifeprozess geht auf einen pragmatischen Umgang zwischen Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertretern zurück. Wir haben in der Tarifpolitik die unterschiedliche wirtschaftliche Lage von Betrieben berücksichtigt und trotz mancher Kritik am Flächentarifvertrag festgehalten, diesen weiterentwickelt. Die Prophezeiungen, dass wir den internationalen Wettbewerb vom Standort Deutschland aus nicht bestehen werden, haben sich nicht erfüllt.

AA:
Noch einmal: Warum haben die Firmen-Inhaber in der allgemeinen Krisenpanik nicht großflächig entlassen?

Kannegiesser:
Es ist unumstritten, dass Kundenorientierung für jedes Unternehmen die Existenzgrundlage ist. Kundenorientierung setzt ausgeprägte Mitarbeiterorientierung der Unternehmen voraus. Das kollektive Wissen, Qualifikation und Leistungswille der Belegschaft machen den eigentlichen Wert eines Unternehmens aus und dies gepaart mit unternehmerischem Geschick. Deshalb sind Pflege und Weiterentwicklung der Stammbelegschaften von so ausschlaggebender Bedeutung. Die Betriebsvereinbarungen großer Firmen gerade in den letzten Wochen bezeugen dies – am Anfang stand übrigens der sogenannte Pforzheim-Prozess. Auf betrieblicher und später auch überbetrieblicher Ebene streben wir nach der Kombination von Flexibilität und Sicherheit für die Belegschaft. Die Herausforderungen im weltweiten Wettbewerb, in der Demographie und im Wertegerüst der Gesellschaft werden wachsen und vor diesem Hintergrund werden wir eine neue Kultur in unseren Arbeitsbeziehungen gestalten und erleben. Personal bleibt für jeden Betrieb der größte Kostenfaktor, ist aber zu begreifen als Ursprung und ständige Quelle unserer Wertschöpfung.

AA:
Die Resultate des Bauchgefühls vieler Unternehmer müssten sich auch in der Beschäftigungsbilanz widerspiegeln. Wie viele Stellen werden geschaffen?

Kannegiesser:
Durch die Krise mussten wir in unserem Wirtschaftszweig rund 220 000 Stamm-Arbeitsplätze abbauen. Vor dem Ausbruch der Krise waren etwa 3,6 Millionen Beschäftigte für uns tätig – ein Spitzenwert seit langem. Im Frühjahr dieses Jahres kam der Stellenabbau aber zum Stillstand. Die Wende hin zu wieder mehr Beschäftigung wurde im April vollzogen. Im letzten erfassten Monat – dem September – haben wir deutschlandweit 10 000 Stammarbeitsplätze neu geschaffen. Den 220 000 abgebauten Stellen stehen jetzt schon knapp 20 000 neu geschaffene Arbeitsplätze gegenüber. Wenn es gut geht, arbeiten Ende 2011 erneut knapp 3,5 Millionen Menschen in der Metall- und Elektroindustrie.

AA:
Kann Ihnen die Euro-Krise die Bilanz noch verhageln?

Kannegiesser:
Das ist einer der wichtigsten konjunkturellen Risikofaktoren. Der EU-Binnenmarkt ist unser Heimatmarkt und extrem wichtig. Die gemeinsame Währung ist ein wichtiges Bindemittel geworden. Ein Zerbrechen des Euro hätte schlimme psychologische Folgen, könnte Europa politisch und wirtschaftlich auseinander treiben. Deshalb müssen wir uns auf die Bedingungen für einen gesunden Euro konzentrieren, was uns zunächst noch Opfer abverlangen mag. Vergleichbar mit dem Prozess der Wiedervereinigung.

AA:
Die hierzulande nach wie vor gute Wirtschaftslage weckt Begehrlichkeiten. Selbst Wirtschaftsminister Brüderle hat sich für kräftige Lohnerhöhungen ausgesprochen. Die Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie fordert sechs bis sieben Prozent mehr.

Kannegiesser:
Brüderle und andere sprechen eigentlich nur eine Banalität aus, nach der, wenn es der Wirtschaft wieder besser geht, auch die Löhne steigen können. Solche Aussagen sind nicht hilfreich, man sollte sie aber auch nicht überbewerten. Wir führen derzeit keine Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie. Allgemein muss man aber berücksichtigen, dass sich die Einkommensverluste für die Arbeitnehmer vor allem dank der Kurzarbeit während der Krise in Grenzen gehalten haben. Dagegen hat ein großer Teil der Betriebe bis zur Hälfte des Eigenkapitals verloren und muss wieder zu Kräften kommen. Ein Drittel unserer Firmen schreibt noch rote Zahlen. In der Autoindustrie läuft es derzeit gut – sie ist allerdings auch als erste und dann am tiefsten in die Krise gestürzt.

AA:
Aber die Lage ist doch insgesamt viel besser als erwartet. Warum hissen Sie nicht die Siegesfahne?

Kannegiesser:
Wir bleiben auf dem Teppich. Wir sind natürlich glücklich darüber, dass es nicht weiter runtergeht, wenn das auch alles auf einer niedrigen Basis geschieht. Das derzeitige Wachstumstempo wird nicht anhalten. Aber immerhin: Es geht nicht weiter runter, es geht nach oben, für manche hervorragend. Wer jubeln will, soll jubeln – dabei aber nicht vergessen, dass die wichtigsten Herausforderungen erst noch auf uns zukommen.

AA:
Wollen Sie nicht doch auch ein wenig jubeln? Vielleicht lässt sich ja das Loblied über die Vorzüge der deutschen Beschäftigten singen.

Kannegiesser:
Wir sind in Deutschland grundsätzlich gut aufgestellt. Unsere Belegschaften in der Metall- und Elektroindustrie sind weltweit derzeit noch die besten. Deshalb haben die Unternehmer an ihnen festgehalten, auch weil sie wissen, dass durch die demografische Entwicklung künftig Facharbeiter und Ingenieure heiß umkämpft sind. Der Facharbeiter- und Ingenieurmangel ist zwar noch kein tagesaktuellen Problem, wird aber in den nächsten Jahren eines der zentralen Themen, dem wir uns je schneller je besser stellen müssen.
(Quelle: Augsburger Allgemeine / Interview: Stefan Stahl)

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